Die Kreatur
- Journal
- Die Kreatur
- Volume
- 1 (1926-1927)
- Issue
- Heft 4
- Date
- 1926-01-01
- Page
- – (sequence 104)
- Language
- German
- Belongs to
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Dem einen Volk ist sie immer, vom Gesetz umhegt, sachlich nahe gewesen und geblieben, ist ihm nie so entfremdet und also auch nie so neu geworden, so erstaunt verehrt und mit innigsten Namen genannt; da kann aus dem Wachsen und Blühen der Natur kein Neophyt und mitglaubender Bruder erstehen. Wenn aber einst die vom anhebenden Christentum schon gestaltet vorgefundene und damals verworfene Geschöpfnähe der Antike in eben dem Lande, dem die Zeichen ihrer Pflege nie völlig erloschen sind, auferstehen und wiedergeboren wird, dann hat dieses Ereignis wiederum einen ganz anderen Sinn: denn es wird sich als der alte geschichtliche Widerpart auswirken; neuheidnische Gelöstheit wird dann die Weise des Franziskus in einen künstlerisch fälschenden Schein stellen. Das Licht aus seiner Quelle wird weiterhin schön gefärbt leuchten - aber eben nur schön. In Wahrheit ist in diesem „Naturgefühl" nichts mit der antiken Sinnlichkeit vergleichbar, die die Natur mit plastischen Gestalten bevölkert: Schwester Eiche ist keine Dryade, Schwester Quelle ist keine Nymphe. Aber auch nicht Gegenstände der Erkenntnis in einer, den Folgezeiten zur SvstemWirklichkeit geronnenen Natur sind die Angehörigen der vertrauten Schöpfung: Franziskus liebt und kennt, mit Namen fast, diesen Bruder Fels, diesen Bruder Feuer, den er nicht zu löschen wagt und den er um einen persönlichen Gefallen bittet, wenn er ihn eisenglühend in der Hand des Arztes sieht; einzig vielleicht Bruder Tod besitzt jenes abstrakte Fernsein, das er auch nur so lange hat, bis er als der eigene Tod in brüderlicher Umarmung ihn selber aus dem Reigen der Lebendigen löst. Franziskus sucht keine All-Einswerdung im Entwerden einer bund- und gest alt auflösenden Mystik: er schwingt sich nicht hinter das erste Werde! der Schöpfung zurück. Dem Gegebenen immer in Eintracht getreu, bleibt er vor dem Werk Gottes stehen und wird, „durchgedrungen zur herrlichen Freiheit der Kinder Gottes", des Eigenwerts der Geschöpfe, ihrer Stellung und Würde neben dem geschaffenen Menschen inne - auf seine Weise: indem er. der Arme, ihren Besitz durch erraffende Hände nicht zuläßt, ihnen keinen Frondienst zumutet und sie loskauft, wird er ihr Führer zur Ordnung seiner christlichen Welt. Durch ihn kommt jene Liebe in die Natur hinein, ohne die der Mensch ein tönendes Erz oder eine klingende Schelle wäre, und ohne die die Natur dem Christen furchtbar-stummes Widerspiel seiner Erlösung bliebe. Diesem Paulus aller Geschöpfe muß es um mehr gehen, als um die mirakulösen Tierfreundschaften, die von an- 470