Mannheim
Compact Memory

Die Kreatur · 1926-01-01 · Heft 4 · page 103

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Kreatur
Volume
1 (1926-1927)
Issue
Heft 4
Date
1926-01-01
Page
– (sequence 103)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
92% known words query
IRI
…/2823768-2823781-2823786--0477-2824548
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

selbst wächst für Franziskus den Aussendungsworten ein neues Ziel zu: gehet hin und lehrt alle Völker" - das ist noch nicht Alles und Jedes, nennt noch nicht die ganze Herde dieses guten Hirten. Auf der Wanderung durch Italien, gerade zu der Zeit, da Franziskus am stärksten und nachdrücklichsten in seiner menschlichen Sendung wirkt, trifft er im Feld bei Bevagna eine große Vogelschar; zu der Menge, die unkund menschlicher Sprache und menschlichen Anliegens dennoch ihn zu erwarten scheint, spricht er als zu den Seinen: ,,Ihr Vögel, meine Geschwister!44 Den Angeredeten ist ja das Amenwort nicht gegeben; seiner brüderlichen Gewißheit aber verklingt die Predigt nicht ins Leere: über seinem Haupt sieht er das Kreuz der Davonfliegenden, Zeichen des ewigen christlichen Wegs in der Bläue seines Heimathimmels. Und so heißt es jetzt: ,,sei mit allen Wesen" - mit den nichtmenschlichen auch, den Völkern der Naturreiche, den Gestirnen, den Elementen; mit dem Brudernamen grüßt Franziskus das Kleinste wie das Größte, den Wurm wie die Sonne. Denen, die nicht Ohren haben zu hören und nicht Augen zu sehen, Allem, was im stummen Dasein der Schöpfung dahinwest, ohne das Wort und doch von Gott wundervoll an seinen Ort gestellt und zeichenträchtig erschaffen, auf daß der Mensch es nenne, naht der lebendige Künder, wie einstmals nach seinem Glauben der im Fleisch Gestorbene zu den Seelen hingefahren ist, die sich in dumpfer I nterweit sehnten. Hand in Hand mit diesem seinem höchsten Bruder und Herrn, dem Urgeschaffenen, dem anderen Adam, näher noch, tritt der Nach-Geborene zu den Dingen der Schöpfung: christlich wirkt er eine Brüderlichkeit der Wesen in Höhe und Abgrund. Die Hinneigung des Franziskus zu Tieren und Blumen, zu Erde, asser und Luft mit Allem, w as darin ist, quillt aus dem echt-elementaren Gefühl des Mitseins, das immer und überall von der einfachen Bindung im L rsprung zeugt, das erschreckt und erfreut, in Stoff und F orm Familienähnlichkeit findet, Feinde und Freunde, geheimnisvolle Verwandtschaften wittert, bis es in letzter Ausformung und Bewußtheit lyrisch sich selber bespiegelt; hier aber wird es durch eine eigene Beziehung zu der offenbaren Lebensganzheit gerichtet und gewertet: es hat objektiven Sinn; es ist nicht subjektives Geleucht, nicht bloß episodärer Zug im Charakter dieses Menschen. Zum erstenmal dringt unmittelbar aus ihrer wahren Tiefe Geschöpfnähe, Geburt der Seele, in die christliche Welt Ordnung ein. 169

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.