Die Kreatur
- Journal
- Die Kreatur
- Volume
- 1 (1926-1927)
- Issue
- Heft 4
- Date
- 1926-01-01
- Page
- – (sequence 100)
- Language
- German
- Belongs to
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mer dieselbe Landschaft von dem Fenster seines Zimmers aus, denn für ihn ist es immer eine andere Landschaft, „man schöpft nicht aus, was darin ist, das hört nie auf". Er malt die Landschaft in allen Stimmungen und zu allen Jahreszeiten; er Hebt besonders die kalte, rauhe Zeit: den Spätherbst und Winter, auch den Vorfrühling; wenn die Erde dunkel ist und schläft; mit dem Frühlings- und Sommergrün weiß er nichts anzufangen. Aus seiner reinen Sinnlichkeit und Naturnähe entsteht die Natur neu; man riecht den Duft der Erde, spürt die frische Luft, den kalten Wind, die Wolken sind schwer und schneebeladen. Die Bilder sind Natur, nicht Abbilder von Landschaften; die Stimmung dieser Landschaften ist so, als könnte sie nicht anders sein; in dieser erfüllten Gegenwärtigkeit ruhen alle Bilder. Das Format bleibt immer dasselbe: groß, breit hegendes Rechteck. Andreas malt die Landschaften als einheitliches Gebild, nicht als Summe von Wiesen, Äckern und Wäldern; den Wald nicht als Summe einzelner Bäume, sondern als Ganzes: Wald. Diese Zusammenschau ist auch in seinen Plastiken; sie sind als architektonische Einheit aufgebaut; die Grundformen sind in fein differenzierten Schwingungen bewahrt, nichts ist in Detailformen zersplittert. Er modelliert seine Kameraden; ein Kopf entsteht wie aus einem Kerne wachsend, in konzentrischen Kugelschalen nach außen getrieben; durch die Oberflächenbewegungen seiner Plastiken spürt man diesen zentralen ruhenden Kern, aus dem die Oberfläche gewirkt ist» Anders ist dies bei Kindern von grüblerischer Gemütsart, die im Ausdruck gehemmt, unzufrieden und nicht befreit sind durch richtige Tätigkeit, deren Inneres gestört ist aus irgendwelcher Ursache, so daß es sich zerstörerisch nach außen kundgibt, wie dies z. B. der Fall ist bei Paul; Vollwaise, elf Jahre alt, körperlich außerordentlich entwickelt, speckig, weit über sein Alter hinaus reif; als einziges Kind in protzigem Milieu erzogen, als kleiner Lebemann an Schlemmereien, Stumpfsinn und üble Unterhaltung gewöhnt, ohne Willenskraft und Konzentrationsfähigkeit, von pathologischer Verlogenheit und Freude an Menschen- und Tierquälerei. Paul modelliert schnell ein etwa lebensgroßes Gesicht, streift die Hemdsärmel hoch, reibt sich grinsend die Hände, und beginnt mit Wollust die Daumen in die Augen des modellierten Gesichts zu bohren; macht die Löcher tief und groß, drückt mit der Handfläche dem Modell die Nase hoch, dann breit ins Gesicht hinein; macht den Mund breit bis an die Ohren und schließlich, als er damit fertig ist, sagt er: „das ist jetzt ein 466