Die Kreatur
- Journal
- Die Kreatur
- Volume
- 1 (1926-1927)
- Issue
- Heft 4
- Date
- 1926-01-01
- Page
- – (sequence 97)
- Language
- German
- Belongs to
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sehen bluten und Schiffe brennen; Hilde verwendet hierbei ausschließlich ein Gelblichrot, Zinnober und Schwarzgrün. Dann folgen zwei Blätter mit grauenerregenden Gespenstern, zum Teil rot, blaßgrün, schwarz bemalt. Hilde behauptet diese Gespenster zu sehen, redet ihre Sprache „irri irri" und nennt ihre phantastischen Namen. Bei der Darstellung des stärksten Erlebens versagen Tiere und Menschen, sie können nicht aussagen das Gefühl von Untergang und Tod, die wahnsinnige Angst. Da erscheinen die Gespenster als Zeichen für das Schrecklichste. Am nächsten Tag zeichnet Hilde auf einen Zettel nur einen bewegten horizontalen Strich, das ist das Meer und Himmel darüber: Einsamkeit und Leere. Am folgenden Tag entsteht auf demselben Bild hinten am Horizont eine kleine Insel auf dem Meer, öde, schließlich wächst eine Palme und ein Busch; am dritten Tag zeichnet sie zwei junge Hunde dazu, dann kommt ein kleines Schifflein, legt an, ein Mensch baut eine Hütte für die Hunde, eine für sich selbst, und zum Schluß scheint drüber die Sonne. Am vierten Tag macht sie ein neues Bild. Sie zeichnet und malt mit froheren Farben; da steht ein Berg im Meer, immer noch getrennt von den Menschen durch das Wasser, darauf nebeneinander zwei dicke Türme, und die Sonne. Am fünften Tag macht Hilde kleine Tierbilder, erst einzelne Tiere, dann mehrere; und jetzt geht es wieder langsam aufwärts. Die Bilder werden froher und reicher und Gold tritt zu den Farben; nachher kommt aber langsam wieder Schwarz und Rot. Ein Bild ist wie das Jüngste Gericht: ein Blatt ist ganz bedeckt von kleinen und großen Herzen, die weiß oder schwarz, schwarz getupft oder nur zum Teil schwarz sind. Unter jedem Herz steht ein Name, das sind die Menschen, die sie kennt, gute und böse; in allen Herzen steckt ein Pfeil; ein Totengerippe hält in der Hand ihr eigenes Herz, sie lacht dazu, wie sie es zeichnet. Ein Pferd und ein Hund haben weiße Herzen. Zeitweise zeichnet Hilde mit besonderer Lust Männer mit ganz großem Kopf und winzigem Körper, mit Spazierstock und Tabakspfeife oder Leute mit überlangen krummen Nasen, hohen Spitzhüten, die Schellen und nasenähnliche Auswüchse tragen; ebenso zeichnet sie Tiere mit großen Köpfen, langen Hälsen und kleinem Körper. Nach dem zwölften Lebensjahre hören langsam solche absonderlichen Darstellungen auf. Sie lebt nun ihre Freude an bewegten Geschehnissen und an „Aufregendem" aus in der Darstellung geschichtlicher Ereignisse, Schlachten zu Wasser und zu Land, Eroberungen, und in der Beschreibung ferner Länder; hier i>t eine für sie 463