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Die Kreatur · 1926-01-01 · Heft 4 · page 96

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Kreatur
Volume
1 (1926-1927)
Issue
Heft 4
Date
1926-01-01
Page
– (sequence 96)
Language
German
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Bildnereien; die Zeichnungen sind zu lesen als reine Diagramme ihres körperlich-seelischen Zustandes, sie geben die Lebensstärke oder -mattigkeit und die Stimmung des Kindes wieder. Etwa vom neunten bis zum zwölften Lebensjahr zeichnet Hilde kleine Bilder in klaren Linien, meistens Tiere; am häufigsten Pferde und Hunde, mit treffender Charakterisierung der Proportionen, der Bewegungen und des Ausdrucks. Sie schildert in Bilderfolgen das Leben eines Pferdes: wie ein armes, mageres Zugpferd von besserem Leben träumt, von Hafer und Zucker, wie es als Zirkuspferd geschmückt ist oder flink als Rennpferd daherjagt oder wie es, prächtig mit Schmuck behangen, als Pferd des Königs geehrt wird. Ihre Bilder beleben sich immer mehr, sie zeichnet mit Sicherheit alle Tiere, die sie einmal im Bild oder in Wirklichkeit gesehen hat, sie füllt ganze Heftseiten mit solchen Tierdarstellungen; sie benutzt selten den Radiergummi und oft zeichnet sie direkt mit der Feder oder mit dem Pinsel. Alle Landschaften sind belebt von springenden Tieren und fliegenden Vögeln. Uberblickt man die Arbeiten mehrerer Monate, dann fallen starke Schwankungen auf: die Bilder sind zuerst erzählt in ruhigen Linien und realistischen Farben, werden dann lebhafter geschildert, leidenschaftlicher in Zeichnung und Farbe, dramatisch gesteigert in zugespitzten, gegeneinander betonten Farben und schließlich tragisch, katastrophal, mit hingerasten Linien und wenigen, grellen, hingewischten Farben, oder in dunklen Farben, die durchschrien werden von einer hellroten Flamme. Nach diesen Bildern, die manchmal auch im Format größer werden, folgen kleine Einzeldarstellungen in leeren müden oder nervös zerrissenen Strichen, dann zeigt sich eine langsame Erholung und wieder aufsteigende Entfaltung aller Kräfte. Erst die bildhafte Darstellung ihres körperlich-seelischen Zustandes und die Erkenntnis, daß es sich um periodisch wiederkehrende Depressionen handelt, erklären ihr Verhalten im täglichen Leben und bedingen eine bewußte Haltung ihrer Erzieher. Diese starken Aufundabschwankungen haben sich im Laufe der Jahre mehr und mehr vermindert, so daß sie jetzt kaum noch in den Zeichnungen, nur noch in der Ermüdbarkeit und Laune sichtbar werden. Die Biidtitel gegen die Katastrophe hin sind z.B. „Pferde in der Steppe gehetzt", „Gemsen von der Lawine erfaßt", „Brennend untergehender Dampfer" - oder in der nächsten Periode: „Feuerspeiende vorsintflutliche Tiere"; im folgenden Bild „Kampf der Trojaner und Griechen" sieht man Scharen brennender Pfeile durch die Luft fliegen, Men- 4ö2

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