Die Kreatur
- Journal
- Die Kreatur
- Volume
- 1 (1926-1927)
- Issue
- Heft 4
- Date
- 1926-01-01
- Page
- – (sequence 95)
- Language
- German
- Belongs to
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oder lernt nur solche Gedichte, in denen etwas von einer Mutter vorkommt; im übrigen will sie nichts lernen, sie ist maßlos faul, sie will nicht rechnen, lesen oder schreiben; deshalb kann sie auch nichts und ist immer entmutigt; in einer Ecke hockend zeichnet sie viel für sich allein. Hilde hängt an ihrem elterlichen Heim und interessiert sich für die Sage und Geschichte ihrer Vaterstadt; wenn sie nach den Ferien von zu Hause hierher zurückkommt, ist sie die erste Zeit krank. Langsam gewöhnt sich Hilde an andere Kinder; mit einigen wenigen zusammen baut sie Höhlen im Wald und vergißt sich in phantastischen Spielen; sie spielt gerne Tierrollen, meistens Pferde; sie springt und wiehert wie ein Pferd. Sie erzählt und hört gern Gruselgeschichten oder märchenhafte Erzählungen von fremden Ländern; manchmal, am Abend, schwebt ihre überschlanke zarte Gestalt in weißen Bettlaken, das Gesicht grausig bemalt, als Gespenst durchs Haus oder sie schleicht und hüpft mit gespenstisch irrem Gezisch, Geschrei herum. Dazu braucht sie andere Kameraden, die mitmachen, dadurch wird sie noch mehr erregt; nach diesen erschöpfenden Ekstasen ist sie müde und leer. Sie hört gerne Musik, sie ist stark beeindruckt von der warmen Stimmung der Adventszeit mit ihren Liedern, ihre Augen sind gefesselt \ on den Hakkernden Lichtern. Mit der Zeit wird Hilde mehr und mehr körperlich gekräftigt; sie wird offener und innerlich ruhiger; durch viel liebevolles Zureden, daß es mit ihr besser gehe und daß sie Fortschritte mache, beginnt sie zu lernen und bekommt Mut zur Arbeit; im Rechnen bleibt sie weit zurück; sie ist für Botanik, Zoologie und Biologie besonders interessiert; sie hat ein starkes Naturgefühl und ist beglückt von einer schönen Landschaft, von Pflanzen und Tieren, von Licht und Luft und innerlieh ganz benommen von den Stimmungen in der Natur. Bei Turnen und Gymnastik ist sie leicht beweglich; das Schönste für sie ist: eine Wiese herunter zu springen: zufliegen in weiten Sprüngen, leicht und graziös schwebend wie ein Reh. Den Kameraden gegenüber ist sie freier und verträglicher geworden, freundschaftliche Beziehungen verbinden sie mit gleichaltrigen Mädchen; im Kindergarten hilft sie hebevoll bei der Pflege kleinerer Kinder; aber sie ist ungeschickt in ihrer Hilfe und vermag ihre Liebe nicht auszudrücken, Hilde ist auch jetzt noch manchmal empfindlich und reizbar, aber da sie Humor hat, ist sie durch einen kleinen Witz oder durch ein Lächeln gleich wieder zu beruhigen. Dieser über sechs Jahre sich erstreckende Entwicklungsgang von Hilde ist deutlich ablesbar aus ihren 161