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Die Kreatur · 1926-01-01 · Heft 4 · page 94

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Kreatur
Volume
1 (1926-1927)
Issue
Heft 4
Date
1926-01-01
Page
– (sequence 94)
Language
German
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geistigen Haltung, dies ist deutlich zu ersehen aus den drei Traumbildern von Else. Die erste Traumgestalt ist aus der Froschperspektive gesehen: durch die Schwere des Erlebnisses ist der geistige Horizont zur Erde niedergedrückt, erst langsam erhebt sich das Bewußtsein, Else gewinnt Entfernung und Uberblick. Die Nichtanwendung, oder die Anwendung der Perspektive: der Vogelperspektive, der Froschperspektive, der Horizontalperspektive ist bezeichnend für bestimmte seelische Grundhaltungen. In der unverdorbenen Kinderzeichnung wird die Perspektive zu dem was sie ist. zum Ausdrucksmittel. Die mittelalterlichen Städteansichten sind aus dem Wissen, aus der geistigen Überschau, aus der Erinnerung vogelperspektivisch vorgestellt. ★ ★ ★ Die neunjährige Hilde kommt zusammen mit ihrer dreizehnjährigen Schwester zu uns, weil die Mutter der beiden Kinder eines unheilbaren Nervenleidens wegen in ein Sanatorium gebracht werden mußte. Man kann sagen, daß Hilde nichts anderes ist als ein erbärmliches Häufchen Elend, das irgendwo zusammengekauert herumhockt, müde vor sich hinweint und nichts will, nichts, gar nichts. Sie will nur in Ruhe gelassen sein. Sie ist gereizt, sobald sie angesprochen wird, antwortet nicht oder nur muffig kurz, sie fühlt sich immer angegriffen. Es ist ihr widerlich, wenn jemand sich um sie kümmert; von Erwachsenen will sie nichts wissen; sie haßt ihre Tante, die bis dahin für sie gesorgt hatte; sie sträubt sich gegen ihre neue Pflegerin, erkennt sie aber schließlich widerstrebend an, zeigt sich liebebedürftig und anschmiegend, doch in dieser Nähe auch unheimlich, innerlich sprungbereit, gefährlich wie eine böse Katze. Sie gehorcht nicht, will nichts essen, nichts anziehen, gegen alle Farben hat sie eine Abneigung, alle Kleider mißfallen ihr, nur einen weinrotdunklen Kittel zieht sie an. Sie friert immer, ist immer erkältet. Alles Neue, Ungekannte ist ihr schrecklich, das Altgewohnte bequem und angenehm. Mit den Kameraden im Kindergarten hat sie ein dauerndes Gezänk, schlägt die Kleinen. Sie ist still verbissen und kann gemein sein; sie erbettelt sich Näschereien und droht zu kneifen und zu peinigen, wenn die Kinder sie verraten oder ihr nichts abgeben wollen. Hilde liebt ihre ähnlich geartete Schwester, unter deren Einfluß sie steht. Beide Kinder lieben inbrünstig ihre Mutter, sprechen nicht von ihr, sie flüstern beiseite und sind noch inniger miteinander verbunden, wenn sie die Mutter besucht haben. Hilde liest Erzählungen 4ö0

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