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Die Kreatur · 1926-01-01 · Heft 4 · page 91

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Kreatur
Volume
1 (1926-1927)
Issue
Heft 4
Date
1926-01-01
Page
– (sequence 91)
Language
German
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an den Körper gepreßt. Kinder mag sie nicht leiden, den Erwachsenen mißtraut sie, fürchtet, haßt, verachtet sie - sie möchte vertrauen und lieben und wünscht heiß, in quälender Sehnsucht, anerkannt und geliebt zu werden. Wo ihr aber Liebe entgegenkommt, fürchtet sie Hinterlist und Verrat. Sie verbaut sich alle Wege, indem sie immer nur das Schlimmste erwartet und an nichts Gutes glaubt. Menschen, die sie hebt, sucht sie in Verlegenheit zu setzen oder zu reizen; sie übersteigert sich dabei hysterisch, sie will ernst und wichtig genommen werden und wiegt genau ab, was der andere für sie tut oder an ihr zu tun unterläßt, um nachher verletzt zu sein. Sie ist ängstlich besorgt, ob die Kameraden sie richtig anerkennen; rechthaberisch und überempfindlich, macht sie Zank mit den Kameraden; das Geschimpfe und Gekeife trägt sie aus dem Zimmer in das Treppenhaus und schimpft die Treppen hinauf und hinunter, auch wenn sich niemand darum kümmert. Zu allen wichtigen Gelegenheiten kommt sie mit Absicht zu spät, sie sträubt sich gegen die richtige Zeit, kommt sie dann an, von Kameraden gebeten, dann gezerrt und gestoßen, schimpft und zetert sie: „So kann man nicht leben, man hat doch viel gedacht, man ist doch kein Sklave." Bei andern Gelegenheiten tut sie unnatürlich froh und ist ausgelassen in schreiend quietschender Stimmung. Sie findet immer Mittel und Wege, um beachtet zu werden, ohne zu bedenken, wie unbeliebt oder lächerlich sie sich macht. Obwohl sie wie ein kleines verwachsenes Kind wirkt, steckt sie plötzlich die Zöpfe hoch um älter zu erscheinen, oder sie behauptet um ein oder zwei Jahre älter zu sein als sie tatsächlich ist. Sonja beobachtet und analysiert sich mit selbstquälerischer Lust und grauenhafter Klarheit, ohne aus der Selbsterkenntnis Nutzen ziehen zu können. Sie beschäftigt sich fruchtlos bis zur Verwirrung mit „Problemen"; sie ironisiert andere und findet sie „so unproblematisch und primitiv". In allen Fächern, besonders in Deutsch, greift sie immer nach Arbeiten, die weit über ihrer Reife stehen. Sie trägt gern Gedichte dramatisch vor, entrückt in innerer Hingabe. Bei strenger theoretischer Arbeit ist Sonja ohne Ausdauer, leicht entmutigt und abnorm ermüdbar, in praktischen Arbeiten ungeschickt. - Sie will nicht zeichnen, sie weigert sich lange; auf meine Bitten hin beginnt sie; Sonja zeichnet und modelliert häßliche Karikaturen: Menschen mit herabhängenden Nasen oder ein Polyphem mit Stielaugen. Ich gebe ihr Farben. Sie malt einen Blumenstrauß, die Farben der Blumen sind dunkel, fast schwarz. Sie malt zwei Bil- 457

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