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Die Kreatur · 1926-01-01 · Heft 4 · page 90

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Kreatur
Volume
1 (1926-1927)
Issue
Heft 4
Date
1926-01-01
Page
– (sequence 90)
Language
German
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leuchtet hell. Und wenn sie etwas Fernes denken, dann schwebt der Körper durch die Kraft des Gedankens zu dem Fernen hin und ist sogleich dort mit dem Fernen verbunden; so gibt es eigentlich keinen Raum für diese Wesen und auch keine Zeit, weil sie nicht sterben; sie sterben nicht, weil sie gut sind und deshalb nicht kraftlos werden." Beate modelliert auch Prinzen und Prinzessinnen. Die Prinzen haben die Augen offen, die Prinzessinnen geschlossen und sie lächeln. Sie modelliert nach einem Modell den Kopf des ägyptischen Königs Amenophis; diesen Kopf liebt sie und bei ihrem Weggang von hier versenkt sie ihn geheimnisvoll im Bach; ihre Bilder bewahrte sie gut und nimmt sie mit sich. ★ ★ ★ Als vierjähriges Kind verlor Sonja ihre Mutter. Die Eltern, Juden, lebten in Rußland. In ihrer frühen Kindheit erlebte sie den Totschlag und die Vergewaltigung jüdischer Frauen. Sonja wurde als Jüngste von ihren mindestens um zehn Jahre älteren Geschwistern maßlos verwöhnt; das Familienleben drehte sich um das Kind, Sonja war die Hauptperson, man beschäftigte sich immer mit ihr, sie lernte viele Gedichte aufsagen, man belehrte sie über vielerlei Dinge, sie nahm teil an den philosophischen Gesprächen der großen Geschwister; man gestattete ihr j ede Laune und freute sich an ihr, wie sie sich auch gebärdete. Die Geschwister behandelten das Kind als ihr lebendes Spielzeug, ohne die geringste Ahnung von ihrer erzieherischen Pflicht zu haben. Mit Kindern kam Sonja nicht zusammen, das Kindliche in ihr konnte sich also nicht entwickeln und ausleben, so ging sie ihrer Kindheit verlustig. Durch den steten Umgang mit Erwachsenen wurde das Kind intellektuell früh entwickelt, kritisch und wißbegierig; als sie älter wurde, und die Geschwister sich an Sonjas Betragen und an ihren Launen ärgerten, wurde sie selbst verärgert und fühlte sich verletzt und ausgestoßen. Von den Erwachsenen kritisch betrachtet, wegen ihrer Altklugheit belächelt oder bemitleidet, wegen des Judentums beschimpft oder gehaßt, wurde sie einsam und verbittert. So kommt Sonja mit vierzehn Jahren zu uns in die Schule. Klein, zart, in der körperlichen Entwicklung mindestens zwei Jahre zurück, den Kopf in den hochgezogenen Schultern eingezogen, scheu, erschrickt sie bei einer Anrede, fürchtet sich vor ihrer eigenen Stimme, antwortet leise, hastig und stoßweise. Sie schaut die Menschen nicht an, ihr Blick ist ausweichend, ruhelos. Sie geht immer schnell wie gehetzt, die Unterarme hochgezogen und die Ellbogen 456

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