Die Kreatur
- Journal
- Die Kreatur
- Volume
- 1 (1926-1927)
- Issue
- Heft 4
- Date
- 1926-01-01
- Page
- – (sequence 89)
- Language
- German
- Belongs to
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sie scheu, abwartend, körperlich und geistig gehemmt, abhängig vom Wohl¬ oder Übelwollen der Menschen, sie ist sehr sensibel und erscheint phlegmatisch. Sie spricht nur selten, man muß alles aus ihr herauslocken: hat sie Vertrauen gefaßt, ist sie erwärmt und interessiert, dann spricht sie langsam suchend und innig liebevoll von Menschen, Dingen und von der Natur, dann kann sie auch lebhaft werden. Sie setzt allem Neuen einen stummen Widerstand entgegen; sie gehorcht ohne Widerstand, tut auch was ihr nicht behagt, klagt nicht, wird nachher krank oder melancholisch. Sic ist nicht aus der Ruhe zu bringen; wenn ihr Unrecht geschieht, schließt sie die Augen und lächelt. Still verehrt sie innerlich große und gütige Menschen, um die ein geheimnisvoller Hauch weht, und ist angezogen von Menschen, die lebhaft sind und ein phantastisches Leben haben, von fremden Völkern, Reisen, Sagen, Religionen und Sitten erzählen können. Sic begreift langsam und ist in ihrer Arbeit gründlich. Sie nimmt nur auf, was sie innerlich verdauen und sich organisch einverleiben kann. Sie hatte früher eine schwere Nierenbeckenentzündung, jetzt schont sie sich; Bewegungsspiele macht sie nicht mit; sie ist stets wollen eingewickelt und trägt in der Nacht eine Schlafhaube; sie lebt vegetarisch, sieht rundlich und zufrieden aus und ist anspruchslos. Sie pflegt ihre Sachen und ist beim Zeichnen sparsam mit den Materialien. In ihren Bildern erzählt sie von der Stille der Berge. Beate malt einen Mann einsam in der Höhe, schauend auf die Gipfel der Berge - oder sie malt die Berghöhen zart erglühend im Frühlicht oder den Blick hinunter auf den Lago Maggiore; sie malt einen Mann, der Rehe füttert und liebkost. Die Menschen, die sie darstellt, sind von ausgefüllter seliger Einsamkeit. Sie zeichnet Feen und Prinzen und malt eine Fee, die stehend über das \\ asser heranschwebt, vor ihren Füßen kräuseln sich die Wellen. Sie malt ein Bild ..Die Menschen auf einem andern Stern"; von diesen Mensehen erzählt sie mir: Obwohl sie wie Menschen aussehen, sind es eigentlich keine Mensehen, es sind gute Wesen, sie sind geschlechtslos und ohne Leidenschaften: sie reden nicht; was sie denken, bewegt ihren Körper, der ist durchsichtig, leicht und schwebend; um ihren Körper ist immer ein farbiges Leuchten, heller oder dunkler und stets die Farbe ändernd, je nach dem, was sie denken oder empfinden; wenn sie zusammen reden, dann sehweben sie auf und nieder, das Licht und die Farbe wechselnd; so verstehen sie sich, und wenn sie sich ganz verstehen, dann durchschweben und durchdringen sie sich und ihr Licht