Die Kreatur
- Journal
- Die Kreatur
- Volume
- 1 (1926-1927)
- Issue
- Heft 4
- Date
- 1926-01-01
- Page
- – (sequence 88)
- Language
- German
- Belongs to
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spektivisch herauskommen aus dem Bild und den Menschen bedrängen, angreifen - oder perspektivisch gnädig sich zurückziehen in das Bild. Perspektive ist hier ein Mittel des Ausdrucks. Winfriedens Bilder sind nervös zerrupft und zerflackernd hingetupft, gestrichelt, zeitweise ärmlich und von erschreckender Leere; manche Bilder sind hingeschmiert, voll dumpfer, brachhegender Sinnlichkeit; in anderen Bildern tritt beides zusammen: sie sind breit hingegeben begonnen und schlagen wie erschöpft um in nervös zerrissene Darstellung, so: eine Landschaft, über der schmutzig rot eine Sonne liegt wie ein Polyp, der mit seinen Saugarmen die Berge blind betastet, und dazu eine ganz andersartige Bildhälfte, die mit vollem Pinsel in Tupfen hingekleckst und mit halbtrockenem Pinsel in kurzen Strichen gewischt ist. Diese Tupfen und Wischer auf dem weißen Papier wirken wie die bloßgelegte Nervosität des Kindes. Die Bildbeschreibungen bei Winfriede erübrigen sich, da bei ihr fast ausschließlich die Art der Darstellung bedeutsam ist. Mehrere von ihren Zeichnungen bekunden einen durch Kitschpostkarten verdorbenen Geschmack. ★ ★ ★ Beate kam zu mir, als sie fünfzehn Jahre alt war. Bis dahin hatte sie bei ihren Eltern gelebt, Korddeutschen, die sich vor fünfundzwanzig Jahren im Tessin angesiedelt haben und dort eine Gärtnerei betreiben. Der Vater, voll Liebe zur Natur, studiert in seiner freien Zeit Biologie, Geologie, kennt alle Pflanzen und ihre Lebensbedingungen-ebenso gründlich studiert er die religiöse Kultur der alten Inder, Ägypter und Griechen und kennt die Klassiker der Dichtkunst; er dichtet selbst im Verborgenen. Die Mutter, eine starke, ethisch eingestellte Persönlichkeit mit freiem Blick, mit Verständnis und Kenntnis alles Menschlichen, gehört seit früher Zeit zum Freundeskreis von Dr. Rudolf Steiner. Beate neigt innerlich zum Vater, die äußere Verbindung zu den Eltern ist lose, Vater und Mutter haben beide viel Arbeit vom Morgen bis zum Abend. Beate pflegte zu Hause die Hühner, trieb die Ziegen hinauf in die Berge zur Weide; Tag um Tag verbrachte sie allein mit ihren geliebten Tieren in still blühenden und durch - flossenen Gebirgstälchen oder auf der Hochalm mit dem Blick weit über den Lago Maggiore und die in der Sonne leuchtenden, im Regen düsteren Berggipfel. Sie hat die Natur in all ihren Heimlichkeiten belauscht; sie kennt alle Pflanzen, alle Schmetterlinge und Tiere. In der Zwiesprache mit der Natur wurde Beate beschaulich, still und liebevoll; unter Menschen ist 454