Die Kreatur
- Journal
- Die Kreatur
- Volume
- 1 (1926-1927)
- Issue
- Heft 4
- Date
- 1926-01-01
- Page
- – (sequence 83)
- Language
- German
- Belongs to
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eines bestimmten Hausgiebels, einer Teekanne und zweier Gipsköpfe. Diese Zeichnungen sind rein von Korrekturen oder fremden Eingriffen irgendwelcher Art. Auch der ungeübte Blick findet bald Darstellungen ähnlicher Art und Zusammenhänge heraus. Die Unterschiede deuten auf die Struktureigentümlichkeiten des inneren Wesens veischiedener Rassen hin. Es ist nicht verwunderlich, daß Max, trotz der Absicht objektiv darzustellen, aus den beiden oben genannten Gipsköpfen zwei kräuselhaarige Juden macht. Ein anderer siebzehnjähriger, kritisch dialektischer Jude aber bringt die zeichnerische Darstellung des Gipskopfes nicht zustande, da er ihn psychologisch seziert; schließlich schreibt er über den Gipskopfmann einen vier Aktenseiten langen, stilistisch gewandten Aufsatz. Sosueht jeder die Art der Darstellung, die seinem Wesen entspricht, jeweils indem Material, das dem Ausdruck den geringsten Widerstand entgegensetzt. ★ ★ ★ Beide Eltern von Nikolai sind Russen: Vater Jude, Mutter griechischkatholisch; die Eltern lebten in Rußland in Pracht und Reichtum. Während der Revolution wurde das Haus der Eltern geplündert und die Mutter vor den Augen des Kindes erschlagen. Die Großmutter, die Mutter seiner Mutter, konnte das Kind vor den Mördern retten und unter Gefahren ins Ausland bringen. Nikolai lebte mit der in ihrem Fühlen und Denken noch jung gestimmten Großmutter in Berlin, bei ihr verkehrten \ ornehme russische Emigranten, der Junge war verwöhnt und wurde nun noch mehr verwöhnt. Als der Vater sich wiederfand und das Kind für sich in Anspruch nehmen wollte, gab es viele Streitigkeiten: Vater und Großmutter zankten sich, schrien, weinten, fluchten, versöhnten sich wieder und feierten die Versöhnung. Nikolai erlebte öfters diese Szenen mit. Die Großmutter wurde krank infolge der Aufregungen. Als nun der Vater den Jungen allein hatte, gab er ihn zu uns. Nikolai ist zehn Jahre alt, sehr lebhaft und klug. Er hat keinen Sinn für Körperpflege und Reinlichkeit, benimmt sich wie ein Schwein beim Essen, er ist naschhaft, in schönen Kleidern kindlich eitel, beschmutzt sich aber trotzdem. Nikolai liest ganz vertieft in Dostojewskis Werken, oder er liest Wilhelm Busch und birst fast vor Lachen. Er baut stundenlang selbsterdachte technische Konstruktionen und Maschinen mit seinem Mekanokasten oder er führt tolle Streiche aus; wenn er böse oder trotzig gewesen ist, ist er sehr nachdenklich. Dann nimmt er sich ernsthaft immer wieder vor, ein ..guter Mensch'" zu werden und schon 449