Mannheim
Compact Memory

Die Kreatur · 1926-01-01 · Heft 4 · page 82

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Kreatur
Volume
1 (1926-1927)
Issue
Heft 4
Date
1926-01-01
Page
– (sequence 82)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
98% known words query
IRI
…/2823768-2823781-2823786--0456-2824527
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

er jeden an, der ihm nahe kommt. Ebenso ist es auch in seinem täglichen Leben; er verliert sich in Einzelheiten und wütet gegen andere und sich selbst, wenn ihm nicht etwas Ganzes gelingt. Wulf findet es nicht richtig, daß sein Vater als Schauspieler so viel „Theater macht", auf der Bühne herumrennt und schreit, „er müßte sich wenig bewegen, ganz still sein wie die Götzenbilder, die sind unheimlich". Wie er von seinem Vater verlangt, daß er ruhig und gemessen sei, so von allen Menschen und von sich selbst, ohne daß er wirklich kann, was er fordert. Eine Ahnung von dem was sein soll ist verborgen in ihm als Maßstab für alles, als quälende Unruhe, so daß er stets mit der Welt unzufrieden und gereizt ist. Diese tiefere Eigenart erschien auch in späteren Jahren als immerwährende Empfindlichkeit gegenüber den Menschen seiner Umgebung; in seinem Gerechtigkeitssinn ist er streng gegen sich selbst und andere; leicht verletzbar, ist er innerlich hilflos gegen Kränkung; äußerlich aufbrausend, jähzornig, ärgert er sich über seine Reizbarkeit; in gesteigertem Ehrgeiz kann er Hervorragendes leisten, dann fühlt er sich wohl in der momentan errungenen Geltung und zehrt lange davon. * ★ * Max ist fünfzehn Jahre alt, von jüdischer Herkunft, bedächtig, zurückhaltend, doch innerlich temperamentvoll, manchmal leidenschaftlich ausbrechend. Seine Bilder sind entweder hingezeichnet aus innerer Bewegtheit oder vorher bedacht. Max will eine Reihe kleiner Holzschnitte: Die fünfzehn Vorzeichen des Jüngsten Gerichts (aus dem Jahr 1476) bemalen. Zu jedem Bild macht er sich genaue Notizen, welche die Bemalung betreffen; die Farben sind teils realistisch, teils symbolisch gedacht. Bei der Ausführung werden alle Bilder anders, Max malt mit eigenartigen gebrochenen und feierlichen, ungebrochenen Farben: Blau, Gold,Rot, seltener Gelb; alle Farben entstehen aus der innerlichen Hingabe an die Bilder und ihre Texte. Die Kraft des Symbolischen zerbricht die äußere, formale, farbige, Uneare Erscheinung der Dinge; die Dinge erscheinen unmittelbar in ihrer Bedeutung, sie leihen von der Erscheinung nur noch den Umriß oder sie erhalten eine intensivere Gestalt in neuer Erschaffung. Diese Unterschiede in der geistigen Einstellung des einzelnen Menschen und der Rassen erweisen sich am geringsten Gegenstand, so z. B. bei der Darstellung eines selbstgewählten Gegenstandes durch verschiedene Kinder. Seit Jahren sammle ich die zeichnerischen und farbigen Darstellungen 448

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.