Die Kreatur
- Journal
- Die Kreatur
- Volume
- 1 (1926-1927)
- Issue
- Heft 4
- Date
- 1926-01-01
- Page
- – (sequence 84)
- Language
- German
- Belongs to
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jetzt ein braver Junge zu sein. Dieser Wunsch ist stets in ihm und bricht aus ihm * bei den verschiedensten Gelegenheiten. Beim Anschauen eines Madonnenbildes äußert er spontan: „Ich will nicht katholisch sein, nicht Jude, nur gut - ich nichts, nur Mensch; ich will alle Menschen lieben, nicht Juden hassen wie die Russen, nicht Christen hassen wie die Juden.*4 - Nikolai soll zeichnen oder malen was er gern möchte; er macht Unsinn, zupft die Mädchen an den Zöpfen, gießt den Buben Wasser ins Genick; sonst mag er nichts, er mag nicht zeichnen. Ich mache ihm die verschiedenartigsten Vorschläge, was er zeichnen könnte; malen will er auf keinen Fall. Märchen will er nicht zeichnen, Dampfschiffe, Flieger, Menschen will er nicht zeichnen, Blumen und Tiere auch nicht. Jetzt sage ich ein paar Buschverse: „0 ja, das zeichne ich: ihrer Hühner waren drei und ein stolzer Hahn dabei44; er zeichnet also ihrer Hühner drei und muß lachen, entdeckt vor sich eine Teekanne und sagt: „Oh, diese Teekanne da will ich zeichnen!44 In zwei Minuten zeichnet er fünf Teekannen; aus den Zeichnungen kann man schwerlich erraten wie die Kanne aussieht, die vor ihm steht, die er aber nicht anschaut. Unter eine Kanne zeichnet er noch einen Ofen, dann einen Stuhl, oder soll es etwas anderes sein? auf einmal wird er still, legt den Kopf in die Hände, erwacht wie aus einem Traum und beginnt zu zeichnen: er macht einen energischen Punkt und sagt: „Ich44, macht einen kurzen klaren Strich und sagt: „kann44, macht mehrere Striche dieser Art, streicht sie durch und sagt: „nicht44. „Ich kann nicht.44 Nachdenkliche Pause. Er macht einen Punkt, fährt ein kurzes Stück davon weg, macht immer härtere und schwärzere Kreisbewegungen, die schließlich zu festen Hin- und Herstrichen werden, klar bestimmt, setzt sich stark, aufrecht hin und sagt: „Ich will.44 Nikolai atmet tief, beginnt wieder, und dies Gekritzel heißt: „Ich kann.44 Nun zeichnet er nochmals, jetzt mit energischeren und kräftigeren Strichen: „Ich will.44 Mit leuchtenden Augen sieht er mich an und sagt: „Ich will philosophische Bilder malen, geben Sie mir viele Aufgaben.44 Auf meine Frage hin, was philosophische Bilder seien, sagt er: „Ich muß, ich liebe, ich denke.44 Dies schreibe ich auf und er macht dazu die Bilder; aus einem Bild entwickelt sich ihm während der Arbeit das nächste Bild und so entsteht diese Reihenfolge: leben, sterben, vergessen, ich bete, ich wache, Schuft, ich bin gut, ich hoffe, ich glaube, ich bin traurig, ich friere, ich bin müde, ich habe Angst. Die Bilder zeichnet er in dem Tempo und in der Strichstärke, die dem Erlebnisstrom, seinen 450