Die Kreatur
- Journal
- Die Kreatur
- Volume
- 1 (1926-1927)
- Issue
- Heft 4
- Date
- 1926-01-01
- Page
- – (sequence 71)
- Language
- German
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gen Haltungen oder Verhältnisse, sondern um eine Revolution der Existenzsphären, um eine kopernikanisehe Wendung schlechthin. Von hier aus müssen Sie meine Skepsis verstehen, die sich aus den Erfahrungen dieser Jahre im Hinblick auf die institutionelle Verwirklichung der doch von mir stets bejahten Bildungsidee Rosenstocks herausgebildet hat. Ich bin mir darüber völlig im Klaren: solange wir in der Akademie diese grundstürzende Wandlung nicht bewirken oder doch wirksam vorbereiten - und wir vermögen es wahrlich nur geschenkweise nebenbei - bleibt unsre Tätigkeit, mag sie auch noch so persönlich wirksam und menschlich belebt sein, in die Grenze der „vorletzten Dinge" gebannt, über die hinaus kein Ubergang und keine Entwicklungsmöglichkeit zu jener existentiellen L nikehr des Geistes führt, auf der die Erneuerung der abendländischen Welt beruht. Denn die Wahrheit jener paradoxen Formulierung, wir könnten nur deshalb noch einsehen, daß 2x2 4 ist, weil Goethe das Gedicht Meeresstille" gedichtet habe, verlagert sich nunmehr auf die menschliche Existenz überhaupt: ohne ,,Leben aus dem Glauben*" wird ftnis Europae sein, und wenn die Religionen noch so geschäftstüchtig sind. Bewirken, daß ein Betriebsratsobmann seines Amtes in dieser nüchternen gläubigen Grundhaltung waltet, ist weltgeschichtlich zukünftig entscheidender, als wenn 1000 Jungsozialisten oder meinetwegen auch Funktionäre sich zum „religiösen Sozialismus*4 bekehren und mit Bibelsprüchen Aktivismus treiben. In der Sphäre der „,vorletzten Dinge" die Arbeiter aus ihrem geistigen Ghetto der abgestandenen Aufklärung in die reicheren Gegenden dieser sterbenden Säkula, Kultur, Philosophie, Religion hinüberführen, das ist verlorene Liebesmühe, und wenn es tausendmal aus Liebe zur Arbeiterschaft geschieht. Jene einzige Erziehungsarbeit aber, um die sich erst ein Einsatz der Existenz lohnt, verlangt freilich auch den Mut, Ärgernis zu geben. Denn den Sprung kann man niemandem durch pädagogische Mittel ersparen noch verschleiern. Aber die Zeit ist noch nicht erfüllt, um eine Schule, eine öffentliche Institution als solche auf den Glauben zu errichten. Es ist den Menschen dieser Zeit nur erlaubt und möglich, ihr verantw ortliches Tun innerhalb einer Institution auf den Glauben zu gründen. Ein gemeinsames Wirken aus dem Glauben, wie es der Arbeiterbildungsidee Rosenstocks entspricht, ist heute nur in „freien Zellen" möglich: in Arbeitsgemeinschaften ^geboren aus der begnadeten Begegnung von Menschen verschiedenster Herkunft im Glauben." 137