Die Kreatur
- Journal
- Die Kreatur
- Volume
- 1 (1926-1927)
- Issue
- Heft 4
- Date
- 1926-01-01
- Page
- – (sequence 63)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2823768-2823781-2823786--0437-2824508- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Erfahrungsgemäß ist nun aber in dem tätigen Erwachsenen nicht Wissen und wissenschaftliche Bildung der zentrale Trieb, sondern die theoretische Frage und der Wille zur geistigen Besinnung entspringen beim Menschen des „politischen" Lebens an derselben Quelle wie sein politisches Handeln, nämlich mit der Frage: „ Wie kann der Not abgeholfen werden?" Diese Frage muß darum auch der Ausgangspunkt des inhaltlichen Denkens und der Stoffordnung der Lehrgänge der Akademie der Arbeit sein. Die Kenntnisse aller Art, die zur Lösung dieser Frage notwendig sind, geben wohl die Vi issenschaften. Aber geordnet, beurteilt, ineinanderverfugt werden können diese Kenntnisse hier nichtwie für den Studenten aus einer logischen Systematik, sondern von dem politischen Heiltrieb des tätigen Mannes her. Damit ist die Aufgabe der Verwandlung der Theorie gestellt. Es soll nicht etwa die Theorie, die den theoretischen Menschen befriedigt, der Praxis angepaßt werden, sondern der eigentümliche theoretische Trieb des Berufstätigen. Erwachsenen, soll zu einer ihm notwendigen Theorie gelangen. Für die Lehrmethode der Arbeiterbildung nun ist die Erfahrung grundlegend, daß der erwachsene Arbeiter anders lernt als das Kind und der Student. Es gilt da zunächst, den geistigen Stoffwechsel in den Arbeiterschülern in Gang zu bringen. Das hat so zu geschehen, daß an den Besitz, an den die Begriffs- und Vorstellungswelt, die der Arbeiter mitbringt, angeknüpft und von hier aus ein Klärungs- und Läuterungsprozeß eingeleitet wird. Es geht dabei nicht um logische Begriffsrevision, sondern vor allem um Prüfung der Echtheit und Tragfähigkeit der mitgebrachten Erkenntnisse, Begriffe und Vorstellungen: um ihre W irklichkeit im Gedankenträger und ihre Prüfung an den Tatbeständen. Hier liegt für den erwachsenen Menschen die Stelle der Erschütterung: er muß den Mut haben, seinen geistigen Bestand in diesen Prüfungs- und Schmelzprozeß, an dem er doch selbst aktiv teilnimmt, hineinzugeben, auf die Gefahr hin, ihn preisgeben zu müssen. Erst auf Grund dieses Prozesses vermögen dann auch neue Inhalte mannigfaltigster Art, wie sie vor allem die Lehrform der Vorlesungen bietet, und die getvußt werden müssen, von dem Erwachsenen aufgenommen und verdaut zu werden. Dieser methodische Grundsatz gilt für die gesamten Lehrformen der Akademie der Arbeit (Gruppenarbeit, Vorlesungen, Seminare), in besonderem Maße aber für die Gruppenarbeit, die im Zentrum des Unterrichts steht. Die Hörerschaft ist in bunter Mischung in mehrere Gruppen ein- 129