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Die Kreatur · 1926-01-01 · Heft 4 · page 62

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Kreatur
Volume
1 (1926-1927)
Issue
Heft 4
Date
1926-01-01
Page
– (sequence 62)
Language
German
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Bildung manifest: sie versagte vor ihren sozialen Nöten, denn sie war ja in einer anderen Zeit geboren. Sie widerlegte sich im Lebensgefühle des Arbeiters, wo dieses originär durchbrach. Es wurde der Arbeiterschaft zum Verhängnis, daß das Versagen der echten Geistesmächte sie dem Liberalismus in die Arme trieb, daß ihr Bildungsdrang der bürgerlichen liberalen Wissenschaft zunächst erlag. Sie hat sich ihr nach dem Grundsatz „Wissen ist Macht" hingegeben, um - okkupatorisch - die Ergebnisse den eigenen Klassenzielen gegen die Bourgeoisie dienstbar zu machen, insbesondere mittels derNaturwissenschaften alle menschlichen Ordnungen als „Ideologien" über Machttrieben zu entlarven. Das Ergebnis mag praktischen Augenblickszwecken förderlich gewesen sein, hat aber den Arbeiter in zunehmender Stärke geistig sterilisiert und in einen Widerspruch hineingetrieben zwischen seinem Lebensgefühl, das auf eine neue bindende soziale Gesellschafts-, Wirtschafts-und Rechtsordnung hindrängt, und einer wissenschaftlichen Begriflfswelt, die in ihrer Relativität, UnVerbindlichkeit undVoraussetzungslosigkeit gerade das Gegenteil von dem allem bewirken mußte. Will die Arbeiterschaft ihre errungene Stellung im Volksganzen festhalten, ihren Auftrag, zu neuen bindenden Ordnungen durchzustoßen, erfüllen, kann sie es nur, wenn es ihr gelingt, auch in der Geistesbildung durchzudringen durch die individualisierende Bildung der modernen Welt zu einerneuen Gemein schaftsbildung. Diese muß als originäre Bildung dervolkspolitischen Berufung der Arbeiterschaft entsprechen, d. h. sie muß Hand in Hand gehen mit der Aufgabe, das soziale Chaos und die volkliche Entformung durch eine Volksordnung zu überwinden, die mit der von der Arbeiterschaft mitzutragenden Industrie- und Arbeitsordnung anhebt. Hier setzt die Bildungsarbeit der Akademie der Arbeit ein. Sie hat es mit der Bildung erwachsener, berufstätiger Menschen zu tun, mit Menschen, deren Arbeitsleben die wundeste Stelle des öffentlichen Lebens bildet; deren Gesamtleben seit Generationen unter den auflösenden Folgen des Zwiespalts von Arbeitsraum und Lebensraum verläuft. Die Bildungsaufgabe hat deshalb nicht vom Arbeiter als Individuum, sondern von ihm als notleidendem Glied kranker Institutionen auszugehen. Und nicht auf den Persönlichkeitstyp des liberalen Zeitalters darf sie hinzielen, sondern auf die öffentlich verantwortliche Persönlichkeit, von deren Einsatz die Heilung des gesellschaftlichen Sündenfalls entscheidend abhängt. 428

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