Die Kreatur
- Journal
- Die Kreatur
- Volume
- 1 (1926-1927)
- Issue
- Heft 4
- Date
- 1926-01-01
- Page
- – (sequence 60)
- Language
- German
- Belongs to
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ERNST MICHEL ÜBER EINE LEHRSTÄTTE FÜR DIE ARBEITERSCHAFT Eine Auseinandersetzung Am 1. Mai 1921 war, angeregt von Arbeitervertretern und arbeiterfreundliehen Akademikern, die Akademie der Arbeit in der Universität Frankfurt a. M. ins Leben getreten, als erste und bisher einzige deutsche Hochschule für das „Volk der Arbeit". Der Staat und die Spitzenverbände der Gewerkschaften hatten der neuen Hochschule in dem Gründungsvertrag die Aufgabe zugewiesen, „Hörern aus den Arbeiter-, Angestellten- und Beamtenkreisen eine systematische und selbständige Hochschulbildung zu verleihen, zur Wahrnehmung ihrer Tätigkeit in der wirtschaftlichen, sozialen und politischen Selbstverw altung". Die Erfahrungs-und Vorstellungswelt der Arbeiter sollte die Grundlage des Unterrichts bilden, Stoffauswahl und Stoflbehandlung sollten in der Welt der Arbeit ihre bindende Orientierung finden. Dr. Eugen Rosenstock wurde auf Grund seiner „Denkschrift über eine Bildungsstätte für erwachsene Arbeiter" mit der Leitung und dem pädagogischen Aufbau der Schule und mit der Berufung der drei hauptamtlichen Dozenten betraut. Dem Lehrerkollegium wurde die selbständige Behandlung der pädagogischen Fragen und die jeweilige Wahl der nebenamtlichen Dozenten - Hochschulprofessoren und Männer aus der Praxis - übertragen. Die großen Gewerkschaftsverbände verpflichteten sich, die Akademie zu beschicken und den Lebensunterhalt der von ihnen nach eigenem Ermessen ausgewählten Hörer zu bestreiten. Städte und Provinzen traten als entsendende Instanzen hinzu. In zweiter Linie wurden auch Hörer ohne Delegation zugelassen. Eine besondere Vertretung innerhalb der Akademie fanden die Gewerkschaften, der Staat und die Universität in einem Verwaltungsausschuß. Gebunden an eine Mächte-Beteiligung, deren Einflußstärke und Einllußrichtung von vornherein unübersehbar und unerfaßbar war, ging Eugen Rosenstock an die Verwirklichung seiner Idee einer „Bildungsstätte für berufstätige Erwachsene". Diese Idee aber war im Kern so grundstürzend und trat von vornherein mit einer solchen durchdringenden und unerbittlichen Prägekraft in die Erscheinung, daß das erste Jahr bereits für die Beteiligten durch die radikalen Wandlungen, die diese Idee in jeder Richtung forderte, und durch die täglichen Entscheidungen, die sich 426