Die Kreatur
- Journal
- Die Kreatur
- Volume
- 1 (1926-1927)
- Issue
- Heft 4
- Date
- 1926-01-01
- Page
- – (sequence 53)
- Language
- German
- Belongs to
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Wortes jung der Mensch ist (nicht entfernt alle „Jungen" sind es; vielleicht die wenigsten), desto weniger weiß er-eher noch andere - wo gerade sein endgültiger Mensch sein wird. In einem Menschenkind stecken alle Kräfte von Tier und Pflanze sogut wie das menschliche Wesen. Ob er ein Menschenfuchs, ein Menschenhund, ein Menschenveilchen oder eine Menscheneiche wird, ist von all den Begegnungen abhängig, durch die er zur Auflösung seines Geheimnisses Schritt vor Schritt genötigt wird. Ob ein Menschenmensch aus dem Menschenkind wird, ist bis zum letzten Augenblicke nicht zu sagen. Diese Bestimmung des Menschenkindes, über Pflanze und Tier hinaus Mensch zu werden, wird ja sehr oft verfehlt. Und da ein Geheimnis auf lange hinaus über dieser Erfüllung der Bestimmung liegen bleiben wird, so ist die richtigste jugendliche Haltung allerdings die, daß er sich Schritt für Schritt vorbehält. Er muß noch viele Augenblicke vor sich haben, in die er unverantwortlich und ursprünglich eintreten kann, in denen es buchstäblich von dem Blick, der ihn ansieht, abhängen wird, in welcher Gestalt, heil oder versehrt, verwandelt oder kalt gelassen, er ihm entsteigen wird. Wir entnehmen daraus: Die Vielzahl oder Mehrzahl des eigenen Selbst ist die Form, in der allein der junge Mensch lebendig bleiben kann. Viele Seelen wohnen in seiner Brust. Wäre der Mensch ein ewiges Kind, so wäre die Seelenwanderung ein guter Ausdruck für seine „Bestimmung zur L nbestimmtheit". In Indien, wo dieser Glaube herrscht, ist bezeichnenderweise ein Kastenwesen über diese ausschweifende Gedankenwelt gestülpt, also eine rein äußerliche Vorbestimmtheit jedes Menschen. Man sieht vielleicht, wie sich beides, äußere Kaste aller Berufe und unendliche Vielgestalt der Menschenkinder gegenseitig aufwiegen mußten, damit der die ewige Jugend anbetende Hindu die Wirklichkeit einigermaßen bewältigte. Vielfalt und Kindlichkeit gehen zusammen. Ein Deutscher, der das Stichwort der Kindhaftigkeit und des kindhaften Urzustandes der von ihm gelebten adamitischen Menschlichkeit durch ein stürmisches Leben durchgetragen hat als Devise seines Heldentums1), Langbehn, der Rembrandtdeutsche, hat einmal in seiner vorchristlichen Zeit von?ich geschrieben: ,,Die Möglichkeit und die Fähigkeit, in mir die entgegengesetzten Eigenschaften zu vereinigen, die sich eigentlich auszuschließen scheinen, beruht auf der praktischen Anwendung des Satzes: scheiden, l) Siehe darüber jetzt B. M. Nissen, Der Rembrandtdeutsche (1926), S. lt>2. •U9