Die Kreatur
- Journal
- Die Kreatur
- Volume
- 1 (1926-1927)
- Issue
- Heft 4
- Date
- 1926-01-01
- Page
- – (sequence 54)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2823768-2823781-2823786--0428-2824499- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
scheiden, scheiden! Ich kann bewußt und unbewußt, volkstümlich und adelig, Kind und Mann, Dichter und Politiker usw. in so hohem Grade sein, weil ich a) das, was ich jeweilig bin, immer ganz bin; und b) es dann, von allem andern, was ich bin, völlig/ern halte. Dichte ich, so dichtet jede Faser in mir, und ich lasse nichts anderes zu; politisiere ich, dito; bin ich Kind, dito; und so fort . . Die Unzahl von Möglichkeiten, in die wir uns verwandeln können, müssen vorbehalten bleiben. Woraus folgt, daß Vielzahl und Unbestimmtheit zusammengehören. Und nun spiegelt sich diese Unbestimmtheit, Vielfalt und Mehrzahl des einzelnen jungen Menschen auch in der Art, wie er von außen grundsätzlich gesehen wird, nämlich als Mehrzahl! Nicht nur im Leiblichen ist das so, wo Eltern sich mehrere Kinder wünschen, eben kurzweg,,Kinder"; nein, in alle Bezirke des Lebens hinein erstreckt sich dies Gesetz, daß unbestimmtes Menschentum und mehrzähliges Menschentum zusammenfallen. Die Studenten und der Professor: da ist alles in Ordnung. Man sieht sofort, daß man diesen Satz nicht umkehren kann. Die Professoren in der Mehrzahl - eine traurige Geschichte. Und der Student in der Einzahl - ebenfalls eine hilflose Figur. Was wir als Eigenart in uns tragen, damit umgeben wir uns. Der einzelne Student stellt als Schutzwehr und Wandschirm um sich die Mehrzahl und Vielzahl; durch sie bleibt er unzählbar, unbestimmt, also unkenntlich. Eben dies aber will er mit aller Macht seines Wesens; denn selbst wenn er schon ehrgeizig ist, so ist er ja doch noch Wanderer. Und wo er sich erkennen läßt, - nun da ist es eben auch mit der Unbestimmtheit zu einem Stück zu Ende. Die Erwachsenen aber ersparen sich die volle Teilnahme an den Jungen, solange sie in ihnen die Mehrzahl sehen. Sie tun recht daran. Denn der Einzelne, der allein mein Nächster sein kann, die einsame Seele, regt in jenen erst leise ihre Flügel. Ist also nicht die „Mehrzahl" der Paravent, hinter dem sich Jugend frei erhält? Ist Mehrzahl nicht ihre Institution, weil ihre einzelnen Glieder des Schutzes durch das Amt noch darben? Ich glaube, in der Tat ist es so. Die unbestimmte Mehrzahl, in der alle Jugend innerlich wie äußerlich auftritt, und die Einzahl der Funktion, in der die Erwachsenen sich auf den ersten Blick vorfinden, entsprechen einander. Beide verblenden uns gegen den dritten Menschen, den Amtslosen und gruppenlosen, die hinter Jugend und Alter verborgene Seele. 420