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Die Kreatur · 1926-01-01 · Heft 4 · page 52

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Kreatur
Volume
1 (1926-1927)
Issue
Heft 4
Date
1926-01-01
Page
– (sequence 52)
Language
German
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nicht erträgt, bloß allgemein mit unter den anderen begriffen zu werden. Er fordert und kann fordern, daß er, den die Sache so ..ganz persönlich66 angeht, nicht so allgemein angesprochen werde. Er rächt sich für die entwürdigende unpersönliche, „sachliche" Behandlung durch einen - an sich gar nicht gemeinten - Kampf gegen den Inhalt. Aber für den Handelnden, Schreibenden, Wirkenden besteht hier ein Gesetz, an dem er nicht rütteln kann. Ein Gesetz, das ihn vielleicht ungerecht gegen seinen persönlichsten Leser macht, aber das ihn beherrscht. Mein Aufsatz hat drei Erwiderungen erfahren. Jedes Buch hofft auf recht viele Leser. So wartet auch jeder Arzt - wenn er sich nicht selbst betrügt - auf recht viele Patienten. Sollte sich in diesem Zahlenverhältnis ein Gesetz andeuten, das dem Gesetz der Verblendung durch das Amt des Älteren entspricht? So scheint es in der Tat. Die Zuschriften alle sind jungen Geistes, nicht nur weil sie ihre Wünsche mit Begriffen zu umkleiden und zu verstellen suchen. Auf ihren Plural müssen wir achten. Dann finden wir ein Gleichnis dieses Plurals in ihrem Inhalt. Mehrzahl beherrscht auch ihn durch eine weitere Voraussetzung, aus der heraus sie gedacht sind. Gut und Böse, Glück und Unglück sind in allen drei Zuschriften abgeschafft. Das Leben ist so wie es ist. Es gibt Grade seiner Intensität vielleicht; aber es gibt kein Oben und Unten, kein Heilig und Unheilig, keine Schuld oder Sünde, keine Verbrechen und keinen Tod. Das Leben ist in Ordnung, sofern es rein als Leben gelebt wird, sobald man ihm keine Gebote, Maßstäbe oder Ideale von außen entgegenhält. Wird das Leben so rein gelebt, so schreitet der Mensch durch die Gunst oder Ungunst des Augenblicks frei hindurch zum nächsten Augenblick, von Tag zu Tag, von Jahr zu Jahr. Unbelastet erneuert sich der volle Ursprung des Lebens auf jeder Lebensstufe, denn keine Reue, keine falsche Scham, kein schwächliches Bedauern verkrampft oder zerfrißt das morgen wie heut wie gestern gleich ursprünglich auflebende Menschenkind. Soll man diese Voraussetzung abstrakt formulieren, so läßt sich sagen: Der Mensch ist polychron. Er ist eine Mehrzahl, nein eine Vielzahl von Augenblicken. Jeder Blick eines anderen Menschen vermag ihn neu zu entzünden. Unzählbar sind die Wiedergeburten dieses Menschen. Es fängt jeden Tag ein neues Leben an. Und der Mensch hat zahllose Menschen in sich, lauter verschiedene und wird sich auf keinen festlegen. Hierin steckt sicher eine große Wahrheit. Je jünger im Vollsinn des 418

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