Die Kreatur
- Journal
- Die Kreatur
- Volume
- 1 (1926-1927)
- Issue
- Heft 4
- Date
- 1926-01-01
- Page
- – (sequence 50)
- Language
- German
- Belongs to
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gebot der vorhergehenden Generation gehalten wird, auch wo sie den Kitt zwischen den Generationen bilden könnte. Auf den ersten Blick gleicht unser geistiges Tun also mit Notwendigkeit dem Naturprozeß, kraft dessen von Millionen ausgestreuter Keime kaum einer zur Reife gelangen kann. Daran ändere ich nichts, wenn ich mit Emphase hier nochmals betone, daß die mehraltrige Lehre genau so dem einährigen Mannestum entgegensteht wie dem Gott der Jugend, also entgegensteht dem Grafen Westarp und dem Genossen Noske, dem Arzt und dem Anwalt, dem Erzieher und dem Dichter, d.h. jedem bestimmten Träger eines Amtes in dieser bestimmten Welt von heute. Mit Emphase ändert man ja nie etwas. In unserem besonderen Falle aber erscheine ich ja eben gerade selber auch als Amtsträger, als Gewalthaber, als Institution. Der Handelnde scheint immer aus einem Amt heraus zu handeln; ich also scheine aus der Vollmacht des professoralen, des schriftstellernden oder was sonst für eines Amtes über „Lehrer oder Führer44 zu perorieren. Der ernsthaft Handelnde scheint dem Zuschauenden stets ein Definitivum vorzustellen. Es gibt zwischen Alt und Jung, Künstler und Kritiker, Beamten uijd Publikum keine unverhüllte Erkenntnis des anderen Menschen. Diese beiden Menschenarten können sich nicht ohne weiteres als „Nächste44 erkennen! Es Hegt eine Blendung über den Augen der spielenden und schauenden Kräfte im Volk, die in jedem vollmächtigen Mann, in jedem Gewalthaber zunächst nicht den Nächsten zu sehen vermag, sondern das Amt und die Funktion. Die Blendung wird hervorgerufen durch den Glanz, der gerade für den Ohnmächtigen auf dem Amt hegt. Die noch so bescheidene Lichtquelle dieses Glanzes verdunkelt den Menschen. Die Bedürftigkeit eines Amtsträgers läßt sich nie direkt erkennen. „Der Handelnde ist immer gewissenlos44, sagt Goethe. Vielleicht erscheint er deshalb immer als stark, mächtig, unbedürftig. Das Liebesgebot gilt nicht für ihn. Daher ist ein alter Bettler so eine außerordentliche Erscheinung. Er hat das Amt, bedürftig zu erscheinen. Er durchbricht also die Verblendung, die durch alle Macht- und Amtsausübung zwischen die Alterund Stände tritt. Die Stärke des Eindrucks, der von jedem Träger einer gesellschaftlichen Funktion ausgeht, beruht wohl vornehmlich darauf, daß er die Erwartung der Beständigkeit erweckt. Es hat mich oft verdrossen, wenn ein Kritiker das Werk eines Dichters als eine Verheißung, ein schönes Versprechen be- 416