Die Kreatur
- Journal
- Die Kreatur
- Volume
- 1 (1926-1927)
- Issue
- Heft 4
- Date
- 1926-01-01
- Page
- – (sequence 49)
- Language
- German
- Belongs to
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begreifen, nicht weil er zur Welt kommen muß, sondern weil er aus einem Stück Welt sich wieder herausarbeiten möchte. Er muß begreifen, um ein Stück seines Lebens zu überleben, um weiter zu leben. Indem er begreift, begrenzt und beschränkt er sein anfangs ungemessenes Streben auf das, was sich davon verwirklicht hat. Als mich aber als Jüngling die Kraft der Gedanken befiel, da sollte sie mich entschränken und zum Herrscher im Geist über alles Wünschbare machen, sie sollte mir die Welt eröffnen, nicht sie schließen. So hat der Begriff die entgegengesetzte Funktion beim Jüngling und beim Manne. Die Unmöglichkeit aller Gedankenüberlieferung nur in Wor- und Begriffen hat hierin ihre Wurzel. Wenn zwei dasselbe denken, so ist es nicht dasselbe. Denn für den Jungen ist der Begriff die Leitersprosse hinunter in den Schacht des Lebens, für den Ylten der Stufenhieb heraus aus der Grube, in die er gefallen ist. Dieser Funktionswechsel der Begriffe ist ja zur Tragödie der Philosophie geworden, ein Stück, in dem die Schüler immer den Meister, wie die Hegelinge Hegel, die Idealisten Kant antithetisch mißverstanden haben. Diese Mißverständnisse sind nicht bedauerliche Zufälle, sondern Geistesgesetz. Der Jüngere mußte sich und seinen Mythos angegriffen fühlen, wenn doch der Altere denkend vom Leben Abschied nahm, in das der Schüler hineinstrebte. Nur war im neuzeitlichen Geistesstil die Aufdeckung dieses Tatbestandes nicht möglich, weil hier ja ein allgemeiner Weltgeist und nicht viele Zeitgeister vorausgesetzt wurden - übrigens der äußeren Welt gegenüber mit vollem Recht. Nur innerhalb der Generationen des Volks ist die Fiktion der Philosophie von der Allgemeingültigkeit ihrer Begriffe Lüge. Die Tatsache dieses Mißverständnisses zeigt also, daß der Altere nicht schon dadurch „Lehre64 übermitteln kann, daß er richtig formuliert. Sichtbar wird an ihm für das Auge dessen, der sieh angegriffen fühlt, zuerst nur die Lage des Alterseins. Dieser Umstand genügt, damit der Jüngere in ihm den Gewaltenträger einer bestimmten Ordnung, eben der einährigen Ordnung der gerade im Ernst des Daseinskampfes stehenden Männergeneration sieht. Die im Spieides Geisterkampfes stehende Jünglingsgeneration hat aber die Pflicht, ihren Mythos, ihr Lrerlebnis, das sie ins Leben ruft, gegen den Geist der Väter zu verteidigen. So wird ein Riesenteil echter Lehre verschüttet und vergeudet, weil sie für Führungs- 413