Die Kreatur
- Journal
- Die Kreatur
- Volume
- 1 (1926-1927)
- Issue
- Heft 4
- Date
- 1926-01-01
- Page
- – (sequence 46)
- Language
- German
- Belongs to
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Der Mythos kommt also in eine ganz öffentliche, ganz ungebundene, ganz weltliche Gesellschaftsordnung als Zusatz und Bestandteil hinein, damit diese durch ihn zur Geborgenheit und Gebundenheit einer Volksordung genesen könne. Damit verliert der Mythos seine Losgelöstheit von der übrigen Welt. Er wird pharmazeutisch, nicht selbstherrlich wirksam. Und deshalb haben wir für dieses Gebilde in „Lehrer oder Führer?" nicht das Wort Mythos gebrauchen mögen. Wir haben vielmehr einen Namen gesucht, der über sich selbst hinauswiese und der von der Abhängigkeit des Mythos vom Dasein einer umfassenden Gesellschaftsordnung her geprägt wäre. Eine solche Neuwahl des Namens trotz Übernahme ist auch sonst durchaus üblich bei Renaissancebewegungen. Zum Beispiel ist der Name für das Kernstück des neuzeitlichen Geistes, die Philosophie, mit Weltanschauung ganz neu geprägt worden. Denn die neuzeitliche Philosophie ist eben bloß Anschauung des weltlichen Teiles der Welt, der Natur. Gott und die Seele kommen in der neuzeitlichen Philosophie, zum Unterschied von der antiken, nicht originär vor. Der Name für das dazu gehörige weltliche Ordnungselement, für die rein weltliche Gebietskörperschaft innerhalb der Christenheit ist ebenfalls neu gebildet. Das neue Wort, das im 16. Jahrhundert unentbehrlich wurde, ging von dem Gegensatz der vielen weltlichen Staaten zu der Einen Kirche (zunächst in Italien) aus, erfocht die autochthone Individualität eines Freistaats, gegenüber aller kaiserlichen und päpstlichen Theokratie, und so kam es zu dem Begriff Staat jür jede souveräne Gebiefsordnung, jeden weltlichen Status (= Zustandseinheit). Der Name Staat" wurde notwendig, weil die echt-antiken Worte Polis und Republica inzwischen auch für größere und kleinere Gemeinwesen (vom Weltreich bis zum Dorf) verwendet worden waren, und vor allem für andersartige, wie die „civitas dei". Es war eben schon eine größere menschheitliche Gesamtwelt da, die jene antike Polis beerbt hatte. Dieser Umstand hat über die Art der Wiedergeburt der klassischen Antike entschieden. Für den neuen weltlichen „Staat44 war also von der antiken Polis nur der weltliche Teil abzüglich der Religion und des Kults übrig. Auch dem Worte Mythos fehlt heut die eindeutige Bestimmtheit. Es wird auf Vergängliches wie auf Unvergängliches aufgeklebt. Da aber als ordnende, abriegelnde und einengende Kraft zur Erhaltung unsrer Ursprüngiiehkeit das in sich beschränkte, das bestimmt vergängliche Gebilde 412