Die Kreatur
- Journal
- Die Kreatur
- Volume
- 1 (1926-1927)
- Issue
- Heft 4
- Date
- 1926-01-01
- Page
- – (sequence 45)
- Language
- German
- Belongs to
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keit in die Urzeit und ihr Urbild des Stammes hinüberzufinden, wie es schwer war, aus Mittelalter in Neuzeit hinüberzugelangen. Aber wenn die drei Akte sich gegenseitig widerstreben, so vollziehen sie sich trotzdem nach einem Gesetz. Keine Reform, keine Renaissance und keine Urerneuerung des Lebens nämlich ist die Antike selbst, die von ihr neugeformt, geboren oder zurückgewonnen werden soll. Die Erneuerung des Alten macht aus dem, was „seiner Zeit46 das Ganze war, einen Teil der neuen Zeit. Mythos, wie er heut wieder augenscheinlich auflebt, war einst die einzige und endgültige Bestimmung für den Mensehenstamm, den er befiel und prägte. Einen Ausbruch oder Ausweg aus diesem Mvthus gab es nicht. Und so siechte jeder Stamm an seinem Mythus, sobald die Führung den mythischen Anspruch verwirkt hatte. Das Ende des Mythos war das Ende des Stammes. Die Befangenheit im Mythus war - und ist bei allen sogenannten Naturvölkern - eine wahre Gefangenschaft der betroffenen Gruppe im Gefängnis dieses zeitliehen Geistes. Daher die Vergänglichkeit der Stammeskulturen, daher die seltsame Verliebtheit der Naturvölker in irgendeinen willkürliehen Charakterzug oder irgendeine einseitige Institution, daher die Ausweglosigkeit ihres Lebens. Dort, wo Ahn und Mythos allein herrschen, w o sie die ganze Volksordnung zu sein trachten, herrscht hoffnungslose, sinnlose Vergänglichkeit. Der Mythos, der heut wiedergewonnen wird, kommt als Gegengewicht in eine allzu auswegreiche Welt. Er hat zwar die Tendenz zur Beschränkung, ja zur Absplitterung von Stämmen und Sippen. Aber diese Tendenz tritt auf in einer unbedingt zusammenhängenden Gesellschaft auf einer unbeschränkt abgerundeten Erde, Die Urzeitstendenz ist also Gegentendenz, Gegenwehr gegen ein Zuviel. Und Kirchenreform, humanistische Renaissance und völkische Erneuerung sind alle jeweils zeitgemäße Gegenwehren gegen die Gefahren ihrer Epoche gewesen. Die Kirchenreform der Päpste rettete die seelische Einheit des Menschengeschlechts. Die humanistische Renaissance rettete die Kraft der weltlichen Individualität. Die völkische Wiedergeburt steht am Ende der Zeit und beschwört deshalb den Zeitgeist selbst, um in der aligemeinen Uniformierung noch Ursprünglichkeit zu retten. So muß sie alle zeitlichen Bindungen wiedergewinnen wollen: die heiligen Bande des Bluts, die geheimen Bündnisse der Wahl, die innersten Zellwände des Volkstums. Deshalb bejaht der Einzelne plötzlich so stark seine Gruppe. tu