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Die Kreatur · 1926-01-01 · Heft 4 · page 44

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Kreatur
Volume
1 (1926-1927)
Issue
Heft 4
Date
1926-01-01
Page
– (sequence 44)
Language
German
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Jugend braucht Theorie; die Individualität des Alters braucht Praxis, um sich zu vollenden. So sind in jedem Augenblick, wo das Volk der Menschen vor dem Angesicht seines Schöpfers sich darlebt, zwei Mythen mindestens nebeneinander wirksam - der Mythos der vorschauenden Jugend, und mit ihr aller noch unbestimmten Spielkräfte im Volke, und der Mythos des leistenden Alters und mit ihm aller schon bestimmten Gewalten im Volke. Beide Mythen suchen Gestaltung, und beide denken, wie wir noch sehen werden, dabei an eine Gestalt nur aus ihrem Geist. Die Generationen beide aber geben sich heut freiwillig und ganz ungescheut ihrer zeithchen Bedingtheit hin. Hier und heut wollen sie sich vollstrecken. Damit ist nicht nur über das 19. Jahrhundert, sondern über die gesamte Neuzeit hinaus ein Aufbruch geschehen. Daß jedes Geschlecht befangen lebt, wird neu bejaht. Diese Befangenheit in die Zeit galt als Brandmal des Gedankenlosen im Zeitalter des Idealismus - heut wird sie als notwendig gerade von den Denkenden durchlitten. Insoweit wird aber nur urewiges Naturgesetz wiederentdeckt, das Gesetz, daß der Mensch durch Zeit, durch saeculum und temporale Ordnung, bestimmt zu werden hat. Eine Renaissance der naturvolkhaften Welt setzt ein. Die Renaissance der Klassik ist zu Ende. Die vorklassische Erde erlebt ihre Renaissance. Polytheismus, Stammesleben, Sippenordnungen, Altersklassen und Männerbünde, Hordentrieb und Bandeninstinkte werden neu wahrgenommen in uns selber. Sohn und Matter, Tochter und Vater in ihren zweialtrigen Spannungen werden zum Ausgangspunkt der seelenkundlichen Analysis. DieWiedergeburt des „Erdensohns", eines so vergänglichen Zeitabschnitts, wie es die Menschen der Urwelt gewesen sind, wird Losung und Feldgeschrei einer Menschheit, die ja bereits zwei Antiken „wiedergeboren66 hat. Die Wiedergeburt der Urzeit ist so nur ein weiterer Akt der Wiedergewinnung aller Zeiten in der Fülle der Endzeit, ein dritter Akt. Hat die abendländische Welt im Mittelalter von Gregor VII. bis Luther immer die antike Kirche „reformieren", wiedergestalten wollen, hat die europäische Welt in der Neuzeit dem antiken Staat und seiner Kultur zur „Renaissance" verholfen, so hegt vor uns die Aufgabe, der Menschenwelt der Erde die Kräfte der Urzeit neu zu erschließen und wiederzugewinnen. Die drei Akte nehmen jeder einen neuen Ursprung. Es fällt uns ebenso schwer, von Hellas und Rom und dem klassischen Ideal der Persönlich- 410

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