Die Kreatur
- Journal
- Die Kreatur
- Volume
- 1 (1926-1927)
- Issue
- Heft 4
- Date
- 1926-01-01
- Page
- – (sequence 38)
- Language
- German
- Belongs to
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seinen Standpunkt wahrt, nicht den des anderen mit seinem Anspruch, ebenso berechtigt zu sein, untergräbt? Das wäre eine schlechte Toleranz, eine falsche Bescheidenheit. Wir leugnen nicht, daß es möglich ist, die Idee des Menschen in der Weltwirklichkeit eines paradigmatischen Lebens wie des Goetheschen so zu offenbaren, daß wir nichts hinweg- und nichts hinzuzutun wissen. Aber wenn ein Leben ganz paradigmatisch ist, so ist es vollendet im Augenblicke des Todes. Ist der Tod die Erlösung, eine Erlösung von etwas, das in seiner Wirklichkeit, jeder Sekunde seiner Wirklichkeit die Erfüllung seiner Bestimmung war? Wir hatten doch aus dem Gleichnis des organischen Lebens gelernt, daß eine organische Ganzheit sich nur dann in ihrer Gestalt vollenden kann, ohne aus dem Leben zufallen, wenn sie die Norm verwirklicht, die eine höhere Ganzheit ihr aufgeprägt hat, eine Ganzheit, in der noch aktuelles Leben fortgeht. Dieses aktuelle Leben kann auch zeitlich jenseits der in der Norm vollendeten Ganzheit fortgehn, wie es der Pflanze, dem Tier gegenüber gilt, aber die Humanitätsidee läßt den Menschen das in jedem Sinne Letzte, die Krone des Lebens sein. Der Übermensch ist auch nur ein Mensch. ,,Setz dir Perücken auf von Millionen Locken." Gerade wenn es möglich ist. ein paradigmatischer Mensch zu werden, gerade dann muß es eine aktuell lebendige Ganzheit geben, der gegenüber der Mensch mit seinem Leben die Verwirklichung der empfangenen Norm ist. Der im Sinne des Humanitätsideals paradigmatische Mensch, wenn es ihn wirklich gäbe, er würde sich ja von den übrigen Menschen gerade dadurch unterscheiden, daß sie alle Normträger niedrigerer Ganzheiten gegenüber der über ihm wirksamen wären. Und nun wollen wir dem Gleichnis vom organischen Leben zum Gottesreich denkend nachgehen, es wird uns von einer Problematik zur anderen oder - wie die Theologen heute gern sagen - von einer Paradoxie zur anderen führen. Wir werden finden, daß immer die Problematik im Denken und Wollen der Menschen auseinander tritt, daß es überall gestaltete Wirklichkeit gibt, die den einen und die den andern Gedanken auslebt und damit an ihr Ende kommt, aber das Leben geht weiter. Was ist denn das Gottesreich? Es ist nicht hier und nicht da, es ist .anwendig in euch". Wir dürfen es jetzt in unserer Sprache sagen: es ist das aktuelle Leben der Ganzheit über uns, von der unsere Seele die Norm empfangen hat. um in der Selbstverwirklichung lebendiger Teil des 404