Die Kreatur
- Journal
- Die Kreatur
- Volume
- 1 (1926-1927)
- Issue
- Heft 4
- Date
- 1926-01-01
- Page
- – (sequence 35)
- Language
- German
- Belongs to
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tigen Formsteigerung des Organs sprechen darf. Der w esentliche Durch - formungsfortgang geschieht aber sicherlich innerhalb der Zellen, schon im Kindesalter läßt er sich an Veränderungen der Feinstruktur erkennen, die man, weil sie mit dem eigentlichen Alter immer deutlicher hervortreten, als Altersveränderungen angesprochen hat. Daß es sich dabei nicht um nur negativ zu bewertende Symptome handelt, daß der kontinuierliche, das ganze Leben begleitende Fortgang dieser Veränderungen ein Ausdruck der Lebensleistung des Organs ist, das leuchtet unmittelbar ein, wenn man sich klar macht, daß das Gehirn das Organ der Tradition, der Zeiterfüllung des Organismus ist, das Organ, welches das Individuum letztlich zur Einheit in Raum und Zeit macht. Lud noch ein Moment bewährt die Stellung des Gehirns als Ort des aktuellen Lebens, das ist die außerordentlich hohe Intensität seines Stoffwechseln, der mächtige Energieumsatz in einem Organ, das weder sichtbar mechanische Arbeit noch Stoffproduktion leistet. Solch hohen Energieverbrauch bei fehlender Leistung nach außen sehen wir aber sonst nur als Begleitung regster Formbildungsvorgänge, bei der Keimesentwicklung oder sonst lebhafter Zellvermehrung, Gewebsneubildung. Wir werden alles Recht haben, das Gehirn als den Ort höchst intensiver, aber auch höchst differenzierter Formbildung anzusehen, seine Assimilation hat den mächtigsten Umsatz bei der geringsten Ausbeute an Vssimilationsprodukten, es ist — bildlich gesprochen - die heißeste Stelle der Flamme, die, wo das Feuer am wenigsten Sichtbarkeit hat. Wenn man den Naturvorgang allegorisch ausdrücken will, kann man sagen : wo die Materie in Glut vergeht, beginnt der Geist. Ich brauche nicht zu beteuern, daß damit nicht das sogenannte psycho-physische Problern gelöst sein soll. Wir wollen in keine abstrakte Erörterung des Problems von Leib und Seele eintreten; aber daß hier im Gehirn das Innerste der kreatürlichen Ganzheit lebt, das Zentrum des Individualisierungsvorgangs der Welt, den wir das Werden der geistigen Gestalt des einzelnen Menschen nennen, das wollen wir allerdings behaupten. Der kontinuierliche Ourchformungsprozeß des Gehirns läuft das ganze Leben hindurch ab. einerlei, welch» Weltwirklichkeit in ihm zu individueller Gestalt wird, welche Welterfahrung er darstellt. Gleichwie die Entwicklung des Keimes ablief, zu welcher Endgestalt auch immer wir ihn durch unser experimenteil gesetztes Schicksal gelangen ließen. Auch hier, auch im Seelischen sehen 10 L