Die Kreatur
- Journal
- Die Kreatur
- Volume
- 1 (1926-1927)
- Issue
- Heft 4
- Date
- 1926-01-01
- Page
- – (sequence 34)
- Language
- German
- Belongs to
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werden. Nach der herrschenden Anschauung ist diese Neubildung nur eine Abnutzungsreparatur. Ich glaube das nicht, ich sehe darin den eigentlichen Lebensvorgang, gewiß von der Ganzform aus gesehen ein Auf-der-Stelle-treten, aber doch der gleiche Lebensgrundvorgang, wie wir ihn überall wiederfanden. Solche Gewebe sind z. B. die äußere Haut, alle Schleimhäute, die Auskleidung aller Hohlorgane, alle Drüsen. Andere Gewebe, wie Muskeln, Sehnen usw., die auch mikroskopisch formstationär erscheinen, offenbaren den fortgehenden Formungsprozeß in der stofflichen Analyse, im Dichterwerden, in all dem, was als Alterung im weitesten Sinne angesprochen wird. Bei ihnen ist wohl eine Verlangsamung der Assimilation, wenn man will, eine Abnahme der Lebendigkeit im Gange; aber lebendig in der erkannten Bedeutung des Wortes sind sie auch. Wo aber ist denn im ausgewachsenen Organismus der Ort des aktuellen Lebensfortgangs? Es muß ihn ja geben, wenn unsere Behauptung recht hat, daß es das formbewahrende Leben nur gebe, solange jenseits, konzentrisch zu ihm, aktuelles Leben noch weitergehe. Nach drei Bestimmungsrichtungen hin werden wir vom individuellen Organismus aus diesen Ort suchen, nach der Bestimmung: Glied in der Kette zu sein, und nach der Bestimmung: Teil eines höheren Ganzen zu sein - oder besser: zu werden. Organisch bezeichnet also: in den Keimdrüsen und im Gehirn. Es bedarf keiner Begründung, daß die Keimdrüse eine Stätte aktuellen Lebens sei, in jeder ihrer Zellen ist ja der Anfang des Lebensablaufs einer neuen Ganzheit gegeben, einer absolut neuen, eines Individuums in seiner Einzigkeit. Nicht so selbstverständlich erscheint zunächst die Benennung des Gehirns als des anderen Ortes aktuellen Lebens im entwickelten Organismus, und gerade der Fachmann wird hier Einwendungen haben. Das nervöse Zentralorgan ist in seinem Zellbestande das formkonstante Organ kat exochen. Schon bei der Geburt hat das menschliche Hirn die Zellvermehrung eingestellt, das äußere Wachstum seiner Masse geschieht nur durch Zunahme der sekundären Gebilde, der Nervenfasern; die Zellzahl ändert sich nicht mehr, und ob die einzelnen Zellen sich noch vergrößern können, ist unentschieden und nicht sehr wahrscheinlich. Wenn hier noch Formbildung im Gange ist, so in einer Dimension, die unterhalb der Zellgröße bleibt, wenn man freilich auch von der Vermehrung der Faserverbindungen als einer funktionell wich- 400