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Die Kreatur · 1926-01-01 · Heft 4 · page 30

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Kreatur
Volume
1 (1926-1927)
Issue
Heft 4
Date
1926-01-01
Page
– (sequence 30)
Language
German
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Extremitätenanlage in den Kopf eines anderen Keimes, so wächst sie dort aus. aller organischen Zweckmäßigkeit zum Trotz. Dieses Beispiel lehrt auch, daß die Normierung keineswegs identisch ist mit der Bestimmung zu einer einzelnen Gewebsart. Die Extremität setzt sich ja aus mannigfachen Geweben und Komponenten verschiedener Funktionssvsteme zusammen. Trotzdem wird sie als einheitlicher Keim designiert, ihre Entwicklung ist also selbst die Verwirklichung einer organischen Ganzheit, obwohl ihre Formausgestaltung nicht von ihrer autonomen Existenz, sondern nur von der übergeordneten Ganzheit her verständlich ist. Bei niederen Tieren kann auch im ausgewachsenen Exemplar noch die Extremität verlorene Teile bis fast zum Totalghede regenerieren, wenn nur etwas ihres Gewebes an der Wurzel noch vorhanden ist; der Organismus als Ganzes dagegen kann die in gesamter Anlage verlorene Extremität nicht ersetzen. Wir sehen also einerseits eine völlige Freilassung des Teiles zur Selbstvollendung, andrerseits eine absolute Formbestimmtheit vom Ganzen her. Es ist das Gleiche wie das, was wir in einem andern organischen Funktionalverhältnis zwischen dem Insektenindividuum und seinem Staate fanden: der werdende Teil - hier das Individuum - hat in dem Stadium der unmittelbaren Schicksalsauswirkung die Norm des Ganzen vollkommen aufgeprägt erhalten; jetzt wächst er selbständig, gleichsam freiwillig in die absolute Zweckerfüllung zum Ganzen hinein. ..Getreu bis an den Tod/4 3. Was hat uns die Betrachtung des organischen Lebens gezeigt? Wir fanden die Problematik von ..Drang und Form", dann diejenige von ..Weitergehen und Bewahren in der Gestaltbildung", schließlich die von ..Dezentralisation und Konzentration", von „Freilassung und Normierimg". Im Grunde ist es in all diesen Formulierungen immer die gleiche Problematik, das ..offenbare Geheimnis", und es gibt ja keinen Bereich menschlichen Denkens, wo sie nicht wiederkehrte; aber von dem Grunde des kreatürlichen Lebens aus ist sie tiefer zu erfassen, kann der Gefahr begegnet werden, daß das Denken selbst nur einer solchen freigelassenen Teilbildungswirklichkeit inne wird, ohne die Normiertheit vom höheren Ganzen her mitzudenken. Der Gefahr erliegen, heißt ein autonomes Sittengesetz, ein geschlossenes Svstem des Geistes denken; der Gefahr 396

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