Die Kreatur
- Journal
- Die Kreatur
- Volume
- 1 (1926-1927)
- Issue
- Heft 4
- Date
- 1926-01-01
- Page
- – (sequence 26)
- Language
- German
- Belongs to
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seelischen Gestaltausbildung das äußere Ereignis einbricht, umso unmittelbarer wird es in der werdenden Form ausgedrückt, und weil es wahrhaft unzeitgemäß ist, bleibt es fremd, wirkungsvoll aber antiteleologisch im Leiblichen, fortlebend aber unbewußt im Seelischen. Da offenbart sich aber ein scheinbar radikaler Gegensatz zwischen leiblicher und seelischer Gestaltungsgesetzlichkeit. Der gestörte Keimentwick^ungsgang kann nicht nachträglich wieder korrigiert werden, die Teilverdopplung, die Zwiegeschlechtlichkeit wird .nicht wieder rückgängig gemacht. Die Neurose dagegen, der seelische Mißwuchs ist heilbar, der Konflikt mit der Wirklichkeit ist zu beheben, der Mensch wieder „zum brauchbaren Gliede der menschlichen Gesellschaft" zu machen. Aber der Gegensatz ist in der Tat nur ein scheinbarer und gerade darin sehr lehrreich. Auch die leibliche Entwicklungsstörung ist nicht lebenswidrig, solange sie das Werden der Ganzheit, das Wachsen der Schicksalsgemeinschaft der Teile im Ganzen nicht unmöglich macht. Und sogar die isolierte Teilbildung ist zu retten, wenn sie zur rechten Zeit in dem Entwicklungsgang eines andern Ganzen eingefügt wird. ..Zur rechten Zeit" von beiden Partnern aus gesagt : w enn der Teil noch normierbar, das Ganze noch normierungsaktiv genug ist, wenn beide noch im Werden sind. Das Entscheidende für die heilsame Schicksalsfügung ist das Eingelebtwerden in eine übergeordnete wachsende Schicksalsgemeinschaft. Ist es im Seelischen anders? Gibt es nicht auch dort hoffnungslose Fälle, unkorrigierbaren seeüschen Mißwuchs? Und ist das Heilsame nicht ebenfalls ein Hineinleben der Seele in eine übergeordnete Schicksalsgemeinschaft? Umso heilsamer, je mehr die übergeordnete Ganzheit selbst lebt, d. h. je mehr sie selbst wachsende Gemeinschaft ist, denn umsomehr kann das Hineinleben der Seele selbst wirkliches Leben sein, Mitträger der werdenden Erfüllung des Ganzen. Die Seele gesundet, wenn sie ihre Existenz als eine notwendige von der übergeordneten Ganzheit her begreift, denn dieses Begreifen ist zugleich Wirken in das wachsende Ganze und Normiertwerden von ihm her. Es ist nicht erforderlich, daß der Mensch als originales Individuum sich notwendig und unvertretbar für das Ganze halte; als Verweser eines Amtes, als Vollzug einer Funktion muß er Notwendigkeit haben, nicht als dieser Besondre, Einzige. Das leisten der Seele schon die diesseitigen überindividuellen Einheiten Familie, Beruf, Vaterland, diese Gesundungsfunktionen kann ihr der 392