Die Kreatur
- Journal
- Die Kreatur
- Volume
- 1 (1926-1927)
- Issue
- Heft 4
- Date
- 1926-01-01
- Page
- – (sequence 25)
- Language
- German
- Belongs to
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ist ja weder ein schöpferisches Prinzip - im Sinne der Fiktionstheorie - noch etwas Substantiell-Stabiles, der Glaube bezeichnet die Tatsache, daß die Seele eine Heilgeschichte hat. Gerade so wie - um einmal eine umdeutende Wortanleihe bei dem Vitalismus zu machen - .,Entelechie" die Tatsache benennt, daß das Individuum eine Entwicklungsgeschichte hat. Beide Worte bezeugen die Möglichkeit einer „,richtigen** Selbstverwirklichung der leiblichen und der seelischen Gestalt im Stolle der geschaffenen Welt. In dieser richtigen" Selbstverwirklichung liegt aber, wie ich glaube, die Möglichkeit der Wahrheitserkenntnis, der natürlichen wie der übernatürlichen, beschlossen. Es gibt eben auch eine - der Welt wie Gotte gegenüber - unrichtige Selbstverwirklichung, mag man das Resultat Narr oder Sünder nennen, genau so, wie es den Molch mit zwei Köpfen oder den Frosch mit fünf Beinen gibt. Wenn mir ein Kantianer das als Neuaufwärmung des kosmologischen Gottesbeweises brandmarkt, so laß ich es auf mir sitzen, man ist da nicht in schlechter Gesellschaft. Die Möglichkeit dieser richtigen Selbstverwirklichung aus dem Materiale der Welt ist ja das, was Goethe das offenbare Geheimnis** des Lebens nennt, und was als die Idee seines eignen Lebens Schiller ihm in dem berühmten Briefe von 1794 vor Augen stellt. Es leuchtet ein. daß diese Ausdeutung des organischen Lebens sehr wesentliche Folgerungen für die Probleme der Menschheitsgeschichte und der Menschenerziehung, der Bildung im weitesten Sinne hat. Die richtige Wirklichkeitsbeantwortung setzt die richtige Wirklichkeitserfahrung voraus. „Richtig44 aber heißt für die Wirkliehkeitserfahrung: zur ,.erfüllten Zeit44, sowohl im organischen Entwicklungsgeschehen wie in der Geschichte der Seele. Man hat Entwicklungsexperimente angestellt, bei denen man es durch Bastardierung erreichte, daß gewisse Entwicklungsabläufe zeitlich nicht harmonierten, das Resultat waren geschlechtliche Zwitterbildungen, die um so ausgeprägter waren, je größer die zeitliche Dissonanz war. Und im Seelischen: das Ereignis, das der ihrer selbst bewußt gewordenen, der gefestigten Seele zum Heile oder doch zur nützlichen Welterfahrung wird, kann die kindliche, die jugendliche vergiften oder vernichten. Bekanntlich sieht die moderne medizinische Seelenkunde den Giund für viele Neurosen, seelische Leiden und Mißwüchse in seelischen Ereignissen des frühesten Jugendalters. Biologisch ist das durchaus einleuchtend. Je frühzeitiger in der leiblichen und 391