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Die Kreatur · 1926-01-01 · Heft 4 · page 23

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Kreatur
Volume
1 (1926-1927)
Issue
Heft 4
Date
1926-01-01
Page
– (sequence 23)
Language
German
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Wenn wir an dem Keim des Zweizeilenstadiums die beiden Zeilen nicht völlig trennen, sondern die eine abtöten, aber an ihrer Stelle lassen, so entwickelt sich aus der anderen ein halber Embryo. Wenn wir sie nur zur Hälfte trennen, so bildet sich ein-je nach der Trennungsstelle - am Vorder- oder Hinterleib verdoppeltes Tier. Es ist also schon in diesem Fr ühs t adium keines - wegs so, daß entweder eine bezw. mehrere harmonische Ganzbildungen entstünden oder gar nichts. Weder ist im Stoff des Keimes die künftige Form entfaltungsbereit enthalten - wie die alte Entwicklungstheorie glaubte - noch schwebt ein „Geist über den Wassern", einübermaterielles über der Materie, das souverän im Stoffe seinen Willen durchsetzt. Was das Experiment am jungen Keime gezeigt hat, ist eine außerordentliche Mannigfaltigkeit an Formbildungen, mit denen das eingreifende Ereignis beantwortet wird. Lebensfähige oder -unfähige Mehrfachbildungen, lebensunfähige Defekt- oder Teilbildungen werden entwickelt. Zweierlei aber stellen wir fest: auch die abnormen Bildungen bewahren den Charakter der Art in ihrer Struktur, und: solange der Keim lebendig bleibt, nicht zugrunde geht, solange geht auch eine Formausgestaltung weiter. Jedes Experiment setzt eine Störung des normalen EntwicklungsVerlaufes, es kann uns zunächst nur lehren, daß der Bereich der Bildungsmöglichkeiten ein weit größerer ist, als der normale Verlauf offenbart, daß dieser weithin zu modifizieren ist, ohne unmittelbare Vernichtung oder in vielen Fällen sogar ohne schwere Beeinträchtigung des Lebens. Die Lebendigkeit eines Individuums ist nicht gegründet in der Verwirklichung seiner vorbestimmten Gestalt. Aber was wir recht eigentlich wissen wollen, ist doch, wie denn im normalen Ablauf aus der Fülle des Möglichen diese Gestalt verwirklicht wird. Alle unsere Eingriffe schufen dem Keim ein verändertes Schicksal, alle seine Abnormbildungen waren Schicksalsbeantwortungen; ist nicht vielleicht auch der normale Verlauf Schicksalsbeantwortung, - wie entsteht dieses Schicksal? Wir fragen jetzt nicht, warum aus diesem Keim diese und keine andere Artbildung, dieses und kein anderes Individuum entsteht. Wir fragen, wie das Ganze und seine Teile sich bilden, was das Bedingende oder doch Führende ist, wie sich die Führung auswirkt. Unsere besondere Problemstellung geht ja auf das Verhältnis des Ganzen zu seinen Teilen, darauf, ob hierin etwas Stabiles, Präexbtierendes zu finden sei oder nicht. Ein Teil der Erfahrungen am Frühkeime lehrt, daß 389

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