Die Kreatur
- Journal
- Die Kreatur
- Volume
- 1 (1926-1927)
- Issue
- Heft 4
- Date
- 1926-01-01
- Page
- – (sequence 22)
- Language
- German
- Belongs to
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wird unterteilt in 2, weiterhin 4, 8, 16 untereinander gleich große Zellen. Wie ist es in diesem Stadium mit der bedingenden Einheit des Ganzen? Sie ist da und ist doch nicht da. Sie ist da, denn der weitere störungsfreie Verlauf zeigt, daß die einzelnen Teile schon ihre Bestimmung empfangen haben, in der zielsicheren Folge ihrer Zellteilungen bilden sie sich, jedes zu seinem Funktionsträger, aus. Sie ist da, nicht nur etwa als Summe vorbestimmter Teile oder Teilkeime, denn wenn wir frühzeitig einzelne Zellen oder Zellgruppen entfernen, so wird nicht ein defekter Körper entwickelt, sondern ein vollkommen harmonischer, andre Teile müssen die Bildungsfunktion der verlorenen mit übernommen haben. Das kann nicht ihre vorangelegte Bestimmung gewesen sein, denn erst das Verlustereignis führte den Erfolg herbei, es kann nur von dem aus bedingt sein, was im Entstehen war. - Wir sagten aber auch: die bedingende Einheit des Ganzen ist noch nicht da. Sie ist nicht da; denn wenn wir den jungen Keim in seine 2, 4, 8 Zellen zerlegen, so entstehen nicht die entsprechenden Bruchteile eines Ganzen, sondern 2, 4, 8 entsprechend verkleinerte, aber harmonische Ganzbildungen. Jede dieser Zellen, die im normalen Verlauf nur eine Körperhälfte oder einen Teilbezirk gebildet hätte, wächst zum ganzen Organismus aus. Es kann also hier jene Schicksalsgemeinschaft, welche die Teile zum Ganzen bindet, noch nicht bestanden haben. Es hat keinen Sinn, von einer Ganzheit zu reden, wenn es noch ganz unentschieden ist, ob ihre Teile wirklich Teile dies er Ganzheit sind. Thesis - Antithesis - Synthesis: es gibt keine seiende, sondern nur eine werdende Ganzheit. Und nun erhebt sich die für die Lebenstheorie wichtige Frage: gibt es eine Lebensstrecke, wo die Ganzheit noch gar nicht da ist, noch nicht im Werden ist, und gibt es einen Lebenszeitpunkt, wo sie ganz da ist, wo sie vollendet ist? Wir wollen die Antwort zunächst einmal dogmatisch geben: wo die Ganzheit noch gar nicht da ist, da ist noch kein Leben; und wo sie ganz da ist, da ist kein Leben mehr. Damit ist nicht gesagt, daß es kein Geschehen gäbe, das dem Leben logisch und zeitüch vorangeht, und daß es nichts Existentes gäbe, was das Leben logisch und zeitlich überdaure. Ob wir hierüber etwas aussagen können, ist eine andre Frage, für das erste Problem noch eine naturwissenschaftliche Frage, für das zweite eine metaphysische, wohlgemerkt aber keine Frage des Glaubens; der Glaube bleibt innerhalb des Lebendigen. 388