Die Kreatur
- Journal
- Die Kreatur
- Volume
- 1 (1926-1927)
- Issue
- Heft 4
- Date
- 1926-01-01
- Page
- – (sequence 18)
- Language
- German
- Belongs to
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Entwicklungsgeschichte oder auch Entwicklungsmechanik von der Physiologie, man läßt die FormbildungsVorgänge und die Funktionen der entwickelten Formen verschiedenen Eigenschaften der belebten Wesen-? heiten entsprechen. Es mag sein, daß einer späteren Zeit diese Unterscheidungen etwas absonderlich erscheinen, heute sieht man zumeist in den Formbildungsprozessen nur Wege zu den Zielen dauernd funktionierender Endgestalten. Die Problematik dieser Anschauung wird vielfach nicht gesehen, obwohl es Tiere genug gibt, bei denen die eigentlichen Entwicklungsprozesse mehr von der Lebenszeit einnehmen als der ausgewachsene, scheinbar formbeständige Zustand. Dagegen haben wir es in den letzten Jahrzehnten ja auf einem anderen Felde erlebt, wie diese Problematik sehr aktuell geworden ist. Die Jugend hat dagegen protestiert, daß sie nur um des mittäglichen Mannes und Weibes willen dasein soll, sie hat Jugend als Selbstzweck, als Leben eigener Gesetzlichkeit und eigener Erfüllungsmöglichkeit proklamiert, hat von dem Bunde junger Menschen neue Schöpfungskraft in einer alternden Kultur erhofft. Was ist dabei herausgekommen? Soviel ich sehe, keine neue Glaubensinbrunst, keine neue Weltansicht und keine neue Lebenssymbolik, sondern eine Fachwissenschaft: die Soziologie. Gerade die Lebendigsten unter dieser erregten Jugend tragen ihre Impulse, wenn sie älter werden, in die Arbeit an soziologischen Problemen. Ich will gewiß nicht behaupten, daß ein neuer Lebensantrieb verloren ist. wenn er zu einer Wissenschaft geführt hat. aber der Pfeil nach dem jenseitigen Ufer ist er dann nicht mehr, neue Lebensoffenbarung kommt von da nicht. Es ist der Wasserfall, den wir in unsere Turbinen geleitet haben. Das fühlt diese Jugend auch sehr wohl, und darum ist das soziologische Interesse gepaart mit einer heftigen Verachtung der zünftigen Wissenschaft, die wie alle negativen Selbstbehauptungen im Endeffekt dem Verachter mehr Abbruch tut als dem Verachteten. - Alles Leben verpufft, wenn es nicht zu positiver Selbstdarstellung führt. Je stärker es ist, um so bescheidener wird es sein, um so weniger wird es irgend einen Bereich verschmähen, der ihm das Gnadengeschenk der Gestaltung bietet, der es ihm ermöglicht - um die gewonnene Terminologie zu gebrauchen - erfüllende Zeit zu sein. Abstrakter Gemeinschaftskult aber oder Kleinbündelei, Aufgehen in Grüppchen oder Vereinen, die nicht selbst als Normträger einer höheren lebendigen Ganzheit schicksalsteilhaftig und damit gestaltungskräftig sind, das ist 384