Die Kreatur
- Journal
- Die Kreatur
- Volume
- 1 (1926-1927)
- Issue
- Heft 4
- Date
- 1926-01-01
- Page
- – (sequence 17)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2823768-2823781-2823786--0391-2824462- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
duktive Epochen gibt? Was bedeutet das Goethewort, daß ein Volk nur solange produktiv sei, solange es gläubig sei? Hat die Anschauung recht, die das Leben aus seinem Inneren heraus schöpferisch sein läßt, die in einer Aktivität, einer Spontaneität des Lebens das offenbare Geheimnis sieht? Ist es der Drang, der vom Grunde des Lebens auf immer neue Formen treibt, oder ist es der Geist, der sich den Körper baut, oder ist es der Schöpfer, der, wie auf dem Gemälde Michelangelos, in dem erweckten Menschen sich selbst dem Leben und das Leben sich selbst offenbar macht, es in der Ahnung vollendet? - Das Leben wird uns die Antwort geben. 2. Warum ist es so schwer, gerade für den Menschen des Glaubens so schwer, mit der erkannten Wahrheit Ernst zu machen? Sie nicht nur anzunehmen oder zu bekennen, sondern zu leben, zu bewähren? - Ist es das Wesen dieser Wahrheit, daß sie dem Zielwanderer immer perspektivisch bleibt, wie die Gleise der Bahnstrecke? Warum gelingt es dem ästhetisch oder ethisch Eingestellten, dem Mann der schönen Gestalt oder dem der Pflicht eher, zu sein, was er glaubt, seine Lebensidee zu verleibiichen? Ist es nur dieWahl der leichteren Aufgabe, ein Nichtsehen oderVorbeisehen gegenüber der eigentlichen,dertiefstenWahrheit des menschlichen Daseins? Wenn man die Alterssonette des Michelangelo liest, wenn man den Schluß des Faust so ernst nimmt wie die ganzen 82 Jahre des Goetheschen Lebens, wird man nicht sagen, das seien Menschen des Sichsleichtmachens gewesen. Wenn alle Kultur, einschließlich der betätigten Religion, nur menschliche x\uswege oder Ausflüchte darstellt, wie eine radikale Theologie uns heute sagt, wenn nicht alles, was dem Menschen möglich ist, auch Gottes Wille und darum wirklichkeitskräftig ist, dann ist der Mensch nicht das Kind des Vaters, sondern etwas, das dem Schöpfer nur passiert ist und mit dessen Folgen er sich, so gut er kann, abzufinden sucht. Man kann den Menschen von Gott aus pathologisch nehmen und Gott vom Menscheu aus, beides ist von Theologen und Philosophen schon gemacht. Aber ich meine, man sollte zuvor zusehen, ob nicht das geschattene, gesunde Leben alle menschliche Wirklichkeit vor Gott im Gleichnis bezeugt sein läßt. - Wir haben jetzt von der Problematik des organischen Lebens im engeren Sinne zu handeln, einer Problematik, die ihren Ausdruck in der Disziplinenteilung der Biologie gefunden hat. Man unterscheidet die 383