Die Kreatur
- Journal
- Die Kreatur
- Volume
- 1 (1926-1927)
- Issue
- Heft 4
- Date
- 1926-01-01
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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zellige Gebilde gibt, deren Leib deutlich sichtbare organartige Bildungen in sich aufweist, auch die einfachste Zelle läßt ein Zusammenwirken verschiedener Teilvorgänge zum Ganzen erkennen. So hat der Kern deutlich andere Aufgaben und Fähigkeiten, als der Zelleib, und innerhalb des Kernes wie innerhalb des Leibes ist die funktionelle Unterteilung fortzuführen. Selbst bei den allereinfachsten Gebilden, bei denen für das Auge keinerlei Formunterteilung mehr erkennbar ist, nicht einmal die in Kern und Leib, bei den Bakterien, ist aus den Lebenswirkungen, z. B. aus den Krankheitserscheinungen, die sie hervorrufen, zu schließen, daß auch in diesem winzigen Lebensraum noch mannigfache Teilprozesse das Lebensganze tragen, daß also unserer ersten Definition nach „organisches" Leben vorliegt. Und da wird es gut sein, gleich eine wichtige Feststellung über alles solcherart organische Leben zu machen: überall, wo Teillebens Vorgänge zu einem Lebensganzen zusammengehen, überall da wirkt auch das Ganze bestimmend mit gegenüber der je weiligen Aktualität all der verschiedenen Teilvorgänge. Dieser oder jener Vorgang kann erst dann aus der bloßen Möglichkeit in die Wirklichkeit umschlagen, wenn das Ganze eine bestimmte, aktualisierende Situation darstellt. Jeder zu einem Zeitpunkt aktualisierte Teilvorgang aber verändert unabweislich die Situation, die sich als das Ganze repräsentiert, mag nun diese Veränderung sogleich oder erst nach beliebig langer Zeit in ihren Wirkungen offenbar werden. Das markanteste Beispiel hierfür liefert uns das reifende tierische Ei. Die weibliche Keimzelle, wie sie im Eierstock aus dem Keimgewebe hervorgegangen ist, hat noch nicht die Fähigkeit, in den Entwicklungsprozeß zum Organismus einzutreten, selbst wenn das von außen benötigte auslösende Moment, der befruchtende Same, eingetreten ist. Das Ei muß erst noch reifen, in seinem Innern müssen komplizierte, Form und Stoff umwälzende Prozesse ablaufen, bis es bereit ist zur Empfängnis. Dann aber, wenn es empfängnisbereit ist, ist es auch empfängnisbedürftig, es muß befruchtet w erden und damit sich entwickeln können, wenn es nicht alsbald zugrunde gehen soll. Der Reifungsprozeß hat das Ei - vom Standpunkt seiner lebendigen Autonomie aus betrachtet - unvollkommener gemacht: die Situation in seinem Innern ist, etwas vulgär ausgedrückt, r*o verfahren, daß nur von außen und nur aus ganz bestimmter Richtung die Rettung kommen kann. 376