Die Kreatur
- Journal
- Die Kreatur
- Volume
- 1 (1926-1927)
- Issue
- Heft 4
- Date
- 1926-01-01
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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bildung geworden. Sie ist auch über alle praktischen oder abstrakt theoretischen Motive hinaus der Grund, der die Lebensforschung zu der wichtigsten Angelegenheit des menschlichen Erkennens macht. Nicht etwa, um dem Geheimnis den Charakter als solches zu nehmen, es gibt kein Entschleiern sondern nur ein tieferes Verstehen des Geheimnisses. Auch die Naturwissenschaft vom Leben, die Biologie, kann nichts anderes; aber das vermag sie, uns durch die größere Fülle der Anschauung des Lebendigen auch die vom Glauben erfaßte Wirklichkeit in Gestaltung zu gliedern. Im allgemeinen herrscht wohl auf der Seite der Theologie auch heute noch die Sorge vor gegenüber der Naturwissenschaft, man fürchtet sich, wenn auch nicht mehr so sehr vor der materialistischen Leugnung der geglaubten Wahrheit, so vor der Naturalisierung oder Psychologisierung des Religiösen. Man besorgt nicht ganz ohne Grund, daß aus der biologischen Analogisierung die Offenbarungswahrheiten als Symbole von Naturgesetzlichkeiten hervorgehen könnten. Und darum erntet die Lebensforschung dann den größten Dank, wenn sie den Geheimnischarakter auch des geschöpflichen Lebens bekennt. Dabei verschlägt es nicht viel, ob sie vor den Schranken einer Erkenntniskritik resigniert oder ob sie mit Hilfe von Begriffen metaphysischer Abkunft das Nichterkennen zur Eigenschaft ihres Gegenstandes macht, in jedem Falle hat sie damit der biologischen Analogie ihre Bedenklichkeit, aber - auch ihre Fruchtbarkeit genommen. Ich bin kein Fachmann der vergleichenden Religionswissenschaft, aber ich glaube: wenn wir Mohammedaner wären, so wäre diese Analogie der Unerforschlichkeit in der Tat die einzige, die uns erlaubt sein würde. Dann bestände wohl unsere ganze Gottebenbildlichkeit in der tautologischen Form der Sätze „Gott ist Gott44 und „Mensch ist Mensch'4. Es ist bezeichnend, daß der Koran auch die bildliche Darstellung unheiliger 7 CO Dinge verbietet. Aber wenn wir nichts anderes besäßen als die Lehre vom Reiche Gottes und das Gleichnis vom Senfkorn, so wäre das schon Auftrag genug, um aus dem geschöpflichen Leben heraus der geoffenbarten Wahrheit denkend nachzugehen, zu versuchen, das Gleichnis nach beiden Seiten fruchtbar zu machen. Es wird aber gut sein, wenn wir uns zuerst ganz deutlich machen, wa> dieser Auftrag nicht bedeuten kann, wovor er vielmehr durch seine be-