Die Kreatur
- Journal
- Die Kreatur
- Volume
- 1 (1926-1927)
- Issue
- Heft 3
- Date
- 1926-01-01
- Page
- – (sequence 116)
- Language
- German
- Belongs to
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2. Lehre und Führung Es gilt: wer von außen die deutsche Jugendbewegung erkennen will, darf sich nur an das Bild der Jungengruppe halten (die nicht „natürlich", sondern wesentlich geistiger Art ist). Wer andere Erscheinungen ihres Lebens als wesentlich anspricht - etwa die nach Politik tastenden Irrwege heute an Staat und Kirche vorbei und dies, wie dort im Übergang der Gruppe zu ihrer zweiten Epoche - mit der Gestaltwerdung ihres Geistes im Wort - Führerkräfte schon entbunden, noch ungebunden geistlos in Erscheinung treten - der verschließt sich ihrem Sinn und damit ihrem verpflichtenden Anruf gerade an ihn. Wer die Bewegung heute ansprechen will, muß sich freilich an die zwischen Zwanzig und Dreißig wenden; aber doch nur - wenn er sie wirklich auf ihr Wesen anreden will - von dem gestalteten geistig aufgefaßten Bilde der „Gruppe" her, das ihrem Tasten den Sinn gibt. b ★ ★ * Fünf Menschen, eingeschlossen im glühenden Panzerturm, eingebunden durch ihr Schicksal in die Pflicht, ihrem Vaterlande die Skagerackschlacht zu gewinnen, Missen im Angesicht des Todes nichts mehr von „Pflicht" und von „Vaterland". Im Wirbel, der alles bis dahin Feste als Flitter der Worte zum Wahnsinn schlägt, bleibt nichts als dies Eine, das Bild zweier Menschen, deren schlicht klare Freundschaft auch vor dem Tode die Ruhe der Seele bewahrt. Selbstverständlichstes, das bis zu dieser Entscheidung das Leben trug, bricht. Nur dies eine Bild bleibt Wirklichkeit, dies eine ungewisse: „Dies, was sein kann zwischen Mensch und Mensch." (Reinhard Goering, „Seeschlacht".) Und es ist so: so losgelöst von ihrem Sinn sind im Weltkrieg alle Gestalten menschlicher Gemeinformen, daß ihre Götter den Menschen einsam lassen, grade wo ihn der Tod vor die Frage nach dem Sinn seines Lebens stellt. Worte sind Schlagworte geworden, Abstraktionen, verselbständlichte Götzen, denen Menschenleben geopfert werden. In ihrer Entbundenheit sind sie gespenstisch eigenwillige Mächte, nicht mehr nur heilige Namen, die einer Menschengruppe unsagbar Göttliches bezeichnen, dem verpflichtet sie lebt. - Wo der Gott eines Volkes in Götter zerspalten zu „Großzielen" werden kann, da ist die dem Wort sinngebende Verbindung, die „Stufenleiter des Göttlichen" zwischen einzelnen Menschenleben und der umfassenden Gestalt unwiederbringlich zerrissen. Der einmal aus dem ihn traumhaft haltenden natürlichen Verbände zu eigener Verantwortung entlassene Mensch kann nie mehr zurück. Dann gibt es kein Kleid mehr, das Mensch vor Menschen zu einem andern machen kann als zum gegenüberstehenden andern Menschen. Nur aus dieser ursprünglichsten Unmittelbarkeit, nur aus dem, was zwischen Mensch und Mensch wird, kann Sinngebung neuer Worte als Namen erstehen. „Rein in die Mühle, wer Brot werden will . . . Ich sage nicht, daß der selig wird, aber man muß es tun . . ." Diese letzte Zuflucht des Glaubens, daß doch etwas gepflanzt sein muß, um zu wachsen „wenn's auch zerschmettert", diese letzte Kraft, 362