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Die Kreatur · 1926-01-01 · Heft 3 · page 115

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Kreatur
Volume
1 (1926-1927)
Issue
Heft 3
Date
1926-01-01
Page
– (sequence 115)
Language
German
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LEHRER ODER FÜHRER?1) ZWEI STIMMEN AUS DER JUGENDBEWEGUNG 1. Ein Brief an Eugen Rosenstock Heidnisch nennen Sie den Lebensstil der Jugendbewegung. Das ort schreckt und läßt deshalb überlegen. Wir sind gefallene Engel, ausgeschlossen aus der Kirche. Wen sie einmal entlassen, der kann nicht mehr zu ihr zurück. D -nn er ist mündig geworden, in eine jämmerliche Einsamkeit verstoßen zu einem mönchischen Leben, das Buße für die empfangene Selbstherrlichkeit heißt. Man kann nicht mehr so glauben, wie man's einmal in der katholischen Kirche tat. Aber weil man in Dingen seiner Gläubigkeit zum größten Zweifler und anders zum schärfsten Prüfer geworden ist, zieht es einen immer wieder an den Ort alter Frömmigkeit. Man hockt in barocken Kirchen und starrt an den jubelnden Altären hinauf, oder man steht unter die Beter des Rosenkranzes, hört die Litanei und sonst auf den Klang in den Stimmen der Vorbeter oder man gräbt sich grausam unerbittlich in die Gesichter der Geistlichen, ob ein Frommer unter ihnen wäre. Aus den protestantischen Kirchen geht man während der Predigt hinaus, es sehmerzen einen die \\ orte, die wie Glasstücke auf den Steinboden fallen und klirren. Heiden sind wir keine, weil wir - und erst wir - die christliche Nächstenliebe wahrhaft leben. In der Mündigwerdung sieht man den Abstand zu Gott, und in der Gebärde zu den Brüdern büßt man diesen Abstand. Gab es früher eine Nächstenliebe, wo jeder zu einer Gemeinde von Gläubigen gehörte? L'ntereinandcr nehmen sie soweit aufeinander Rücksicht, als einer den anderen nicht in seinem Frommsein stören durfte. Aber da sie ihre Liebe in der Kirche verschwendeten, konnten >ie sich untereinander nicht lieben. Männer besaßen Weiber. Unser Körper, meinen ivir, ist das Pfand unserer Demut. Man macht sich bereit, ihn wegzugeben und küßt jemandem die Hände, wo einer am Boden liegt in seiner Hingabe. Wer sich hingibt, büßt. Wer nimmt, ist der herrlichste Sünder, denn er stiehlt »ich Leben. Körperleben ist Lust der Hingabe und Schmerz von der Ahnung des Einanderfernseins in Einem. Man schaut nicht mehr nach dem Himmel, sondern ineinander hinein. Gott ist nicht überuns, sondern zwischen uns, manchmal in uns. Man sucht auf der Straße, man geht als Lieben der mit dem Blick über Gesichter, man huscht dem Glanz, der über ein Gesicht gehen kann, nach. Augen sind dasein sprechend* r Mund. .Man spricht in einen Menschen hinein, verteidigt ihn gegen die Welt und greift ihn selbst um so mehr an: manchmal geschieht dann etwas wie eine Schöpfung. Gesichter bekommen Leben, selbst wird man zu einem Dienenden, der die Schläge dessen auszuhalten hat, der da leben soll. Die Göttlichkeit ist nicht in mir, sondern in dem anderen Menschen und der Glanz geht verloren wie es Nacht und Tag wird. Also muß man von einem zum andern gehen, selber büßen und prassen, selber liehen und selber segnen. Gewissen? Das ist die eigene Jämmerlichkeit und der Ekel, den man zu schlucken bekommt. Bitte erlauben Sie nachträglich, daß ich Ihnen so weit entgegne und nur in, einem anderen vielleicht unverständlichen, Bildern reden kann. *)~YgL 1. HeftTsT52ff., 2. Heft, S. 2;j0fV. im.l 2167 3hl

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