Die Kreatur
- Journal
- Die Kreatur
- Volume
- 1 (1926-1927)
- Issue
- Heft 3
- Date
- 1926-01-01
- Page
- – (sequence 110)
- Language
- German
- Belongs to
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macht, ist, neben der Schaffung des irdisch-regelnden Rechtssatzes die zweite der Kirche wesentliche Sonderung ihres elementaren Bestandes. Diese Arbeit am Dogma, die fast gleichzeitig mit der Kodifizierung des römischformalen Kirchenrechts in Europa ihrer Vollendung zustrebt und das Schulwerk der Universität darstellt, wie jene den Ratschluß der Kurie, der Gedankenbau, der in summa begründend einen Schutzwall um die anerkannte Wahrheit der Gemeinschaft zieht, ist aber nicht Sache des Franziskus. Gewiß ehrt er in seiner Weise Wissen und Schrift: selbst Zettelchen, auf denen nur ein heiliges Wort oder gar ein göttlicher Name steht, sollen sorgfältig bewahrt werden; Brüder seines Ordens, die dem Gelehrtenstande entstammen, zeichnet er mit achtungsvoller Anrede aus. Er nimmt auch dieses Gebiet seiner Welt hin, aber als ein im Wirken Unbeteiligter; ihm frommt nicht Forschen und Begründen. Denn da die leibhafte Wahrheit für ihn da ist, bedarf er nicht mehr der Wege zu ihr, die erfragt werden oder durch Weiser bezeichnet sein müssen. Aus seiner unmittelbaren und endgültigen Gewißheit verzichtet Franziskus sogar auf das Lesen der Propheten: „Ich habe genug zu betrachten und zu bedenken, denn ich kenne Christus, den Armen und Gekreuzigten". Schlägt er in Versuchung selber das Evangelienbuch auf, so bestätigt es ihn: „Euch ist gegeben, das Geheimnis des Reichs Gottes zu wissen, denen aber draußen widerfährt es alles durch Gleichnisse." Das ist christliches „Vertrautsein im Hause Gottes", christlicher Verkehr von Mund zu Ohr; der Mann, der in die Seelen und nicht in Bücher schreibt, lehnt aus seiner Einfalt den Besitz von Büchern und Brevier ebenso unbedingt ab, wie aus seiner Armut den Erwerb eigener Wohnstatt. Franziskus, der evangelische Mensch, hat mit der Wissenschaft, wie sie die Kirche pflegt und pflegen muß, für seine Person und sein Tun im wörtlichsten Sinn nichts zu schaffen; was für dies Wissen zu geschehen hat, weil und so weit es für den reinen Glauben der Christenheit vonnöten ist, bleibt einer andersgearteten Persönlichkeit überlassen, die nicht demokratisch aus dem Volk zur Kirche, sondern aristokratisch aus der Kirche zum Volk tritt, die nicht die Seelen weihen und sammeln, sondern die Geister reinigen und leiten soll: dem dogmatischen Menschen. Der Mann dieser Aufgabe, dem Franziskus in Zeit und Raum und Lebensform begegnet, den er brüderlich umarmt und ihm auf seine Bitte zum Zeichen der Verbundenheit seinen Lendenstrick schenkt und mit dessen Werk er doch das eigene nicht vereinen darf, ist 356