Die Kreatur
- Journal
- Die Kreatur
- Volume
- 1 (1926-1927)
- Issue
- Heft 3
- Date
- 1926-01-01
- Page
- – (sequence 108)
- Language
- German
- Belongs to
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christliche Charakter kund. Keine abgezogene Lebensregel, sondern das in strenger Linienführung durchgeformte Leben selber trägt das Gesetz des Heils und wird zum Muster für die Glieder der brüderlichen Gemeinschaft. So vergegenständl cht sich in Werk und Beiwerk ein Leben, das voller Welteinheitlichkeit ist; aber diese Ganzheit der apostolischen Person, das Eingeschlossensein des Franziskus in den Geist der christlichen Ökumene, das heißt: das ihm eigene unauflösliche Miteinander von kirchlicher und menschlicher, heiliger und werktäglicher Wirklichkeit muß als gestaltende und erhaltende, aller Willkür entzogene und in dauernder Prägung weiterwirkende Kraft objektiv dem Gebilde mitgegeben sein. Diese Kraft muß die Beziehung aller Glieder zur Gemeinschaft und wiederum dieser Gemeinschaft in ihrer besonderen konstitutiv-mitwirkenden Nähe zu der allumfassenden Kirche festigen; sie lebt in dem Gelübde des Gehorsams. Der Gehorsam, wie ihn die mönchische professio heischt, ist etwras anderes als das getreue Befolgen des gehörten Wortes, aller Gesetze und Gebote, die Gott seinem Volke um des Lebens willen heiligend gegeben hat; er ist aber auch nicht ein profanes, weltlicher Obrigkeit geleistetes Versprechen, dessen Bruch als Vergehen bemessene Strafe nach sich zieht: Auflehnung wider diesen Fahneneid ist schwerste Sünde, denn der Gehorsam ist heilig. Unter ihm w rd dem fleischgewordenen Wort Gefolgschaft geleistet, entspricht ein christliches Leben dem Christusleben: denn der Christus war, als Jesus, „nach seiner menschlichen Natur gehorsam bis zum Tode". Mit ihm und seiner Erlösungstat also verbindet der Gehorsam den Menschen evangelischen Lebens, als eine mystische Beziehung; neben der Armut bildet er das zweite auszeichnende Kennmal derer, die am Ziel leben. Ist aber die freudig erwählte Armut Substanz und Seele dieser Gemeinschaft, bis zur Personifikation gesteigerte Bestimmung ihres Wesens, wandelnd und gründend, so ist der ernst übernommene strikte Gehorsam Funktion und Geist ihres Bestehens, allgemeine Bedingung ihrer Möglichkeit, einend und bauend. Wie nun die statische Kraft des Gehorsams im Innern des Bundes, in der kleinen Welt, alle Brüder zu wechselseitigem Sichunterordnen verpflichtet, so wirkt sie zugleich in die große Welt hinein und schmiedet mit heiligender Kette den Orden an die Kirche, bindet das messianische Bewußtsein dieser gläubigen Seelen an die währende überweltliche Gemeingestalt, der Christus die Welt zum Lehen gegeben hat, damit sie Ordnerin aller irdischen Dinge sei. Sie, die Herrin der civi- 354