Die Kreatur
- Journal
- Die Kreatur
- Volume
- 1 (1926-1927)
- Issue
- Heft 3
- Date
- 1926-01-01
- Page
- – (sequence 102)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 91% known words query
- IRI
…/2823768-2823781-2823785--0355-2824425- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Aussätzigen zu schaffen und gar der Besitz eines Hauses in Bologna, das wissenschaftlicher Beschäftigung dienen soll, streifen hart an Ketzerei gegen den Meister: mit Entschiedenheit wehrt er diese Dinge ab. Mehr als ein Jahrzehnt vergeht, bis dem neuen Baum auf christlich-kirchlicher Erde die kennzeichnende Rinde gewachsen ist und die Ordensform endgültig feststeht: mit der Prüfung neuaufzunehmender Brüder, dem Noviziat, mit den Ämtern des Generalministers und der Minister, mit der Bestimmung der Kapitelversammlungen und ihrer besonderen Aufgaben. Und auch dann - das ist gerade für diesen Orden bezeichnend - sind die Kämpfe nicht zu Ende: wie seit ihrer eigenen Einsetzung die christliche Kirche unter dem Zeichen des Widerstreits von göttlicher Berufung und irdischer Forderung lebt, so verbleibt auch, auf anderer zeitlicher Ebene entsprechend bis zur Scheidung der Geister, die franziskanische Gemeinschaft im inneren Zwiespalt zwischen strenger Befolgung der Urabsicht und nachgiebiger Anpassung ihrer Lebensweise. In allem Hin und Wider dieses Werdegangs bewährt sich der Eine, in dessen Leben kein Bruch zwischen Welterlösung und Weltwirklichkeit ist; er ist das oft unruhig schlagende Herz, durch das die Blutströme seiner Gemeinschaft pulsieren: jede Beschleunigung, jedes noch so kurze Stocken im Kreislauf empfindet er und der Orden bleibt Ein Leib, solange der lebt, der Einheit ist und Einigkeit will. Um des zu Tuenden willen tritt Franziskus mit gesammelter Kraft und mit männlichem Ernst in die Beziehung zu Weltregiment und zeitlichem Wollen. Aus der Zwiesprache mit seiner göttlich-gegebenen und seiner menschlich-erworbenen Welt, mit den ins Heiligtum Eingesetzten und den zum Heil zu Lenkenden wächst das Gesetz der Form, die Satzung, deren dreimaliger Stilwandel die Stationen des Weltwegs der Gemeinde bezeichnet, wie einst dreifach sich wandelndes Erlebnis den Heilsweg der Person abgeteilt hat. Wenn dort das Wort zum restlos christlichen Lebenssinn des Einen ward, so wird es hier zur deutlich kirchlichen Lebensregel der Gemeinschaft; was der Einzelseele ein für allemal volle Vergegenwärtigung ihres Heils war, das kann nur in fortwährender Auseinandersetzung und vielstimmiger Aussprache mit den Mächten der Gemeine zu mitwirkender Kraft in der Allen zugeteilten Gegenwart gelangen. Sich steigernd aus Traum über Gesicht zu Satz ist einst der suchenden Seele Wertgehalt und Willensrichtung klar, erkennbar, kündbar geworden; sich verändernd von Niederschrift zu 318