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Die Kreatur · 1926-01-01 · Heft 3 · page 91

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Kreatur
Volume
1 (1926-1927)
Issue
Heft 3
Date
1926-01-01
Page
– (sequence 91)
Language
German
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haft und bleibt allem Theologischen fern; selbst wenn ihm nicht nur die Bußpredigt, sondern auch der dogmatische Vortrag von der Kirche verstattet wäre, würde Franziskus Glaubenssätze und gedankliche Begrün- 7 © r> düngen nicht einmal aussprechen wollen. Anders als der große Heidenapostel spricht er, der „die gealterten und fast unfruchtbar gewordenen Keime der Religion zu neuem Leben erweckt"; indem er die Worte und die Szenen des Evangeliums wiedergibt, sagt er sich selbst und nennt seine eigene Weise. Dies Sagen ist Schilderung und Wiedergabe dessen, was da ist - des Lebens im christlichen Heil; es ist Mahnung und Aufrüttelung derer, die noch in der Finsternis sind und nun ein helles Licht sehen. Und wer Augen hat zu sehen, der sieht auch: dem hörbaren Wort entspricht in Wesen und Wirkung der sichtbare Gestus. Keiner belächelt den Mann, der sich einen „Narren Gottes" nennt und den Menschen handgreiflich vormacht, was er lebt. Leib- und lebhaft, wie er selbst ist, treten in seinen Mienen und Bewegungen wie im Tonfall seiner Rede die Gestalten und Begebenheiten des Evangeliums vor die Gemeinde. Hin tleischgewordenes Gleichnis, ein heiliges Spielen hebt vor den Augen der Zuschauer an, wenn dieser große Improvisator lacht*, weint, gestikuliert, wenn er bei dem Worte „Bethlehem44 wie ein Lamm blökt. Sein Schauplatz ist aber nicht nur die Kanzel in der Kirche; im winterlichen \\ aide von Greccio wird ihm die Geburtsfeier seines Erlösers zum gegenwärtig darstellbaren Vorgang: unter seinen Händen ersteht die Krippe v on Bethlehem und vor den Scharen des herbeiströmenden Landvolks spielt sieh nächtlich die Szene der Anbetung ab, wie sie der Evangelist Lukas geschildert hat. Viel ältere liturgische Spiele symbolischer Art gingen dein voraus: aber dies Spiel mit dem Jesuskind erleben die Zuschauer mitwirkend als Erweckung - Kinder sie selbst; seine greifbare Nähe und Sinnfälligkeit zwingt zum Weiterspielen bis auf diesen Tag. Spiel ist das Kunststück des Schauspielers, der heute diese und morgen jene Maske trägt, das Wirken des Künstlers, der über seiner Rolle steht; Spiel ist aber auch das Tun des Kindes, die kindliche \\ irklichkeit. Zwischen diesen beiden Spielenden steht, beider teilhaftig, der Dilettant, der stets nur sich selber zu spielen vermag. Franziskus ist zugleich Darsteller und spielendes Kind; in seinen Zügen offenbart sich kindliches Wesen und in der Art des Kindes gibt sich dieser Erwachsene: denn wer nicht das Reich Gottes annimmt wie ein Kind, wird nimmermehr hineinkommen. :137

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