Die Kreatur
- Journal
- Die Kreatur
- Volume
- 1 (1926-1927)
- Issue
- Heft 3
- Date
- 1926-01-01
- Page
- – (sequence 90)
- Language
- German
- Belongs to
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EDUARD STRAUSS FRANZISKUS 2. Werk und Gestalt Aus zwei Wurzeln, tief in das Erdreich der Geschichte eingesenkt, ist der Stamm des Franziskuslebens emporgewachsen; dreifach hat ihn schicksalhafte Zucht zu seinem Licht gereckt; jetzt entsprießen ihm, weithinschattend, dichtbelaubte Äste. Wie - nach den Worten seines Biographen Thomas de Celano - ein Paradiesstrom seine heilsamen Wasser über die ganze Erde ergießt, so breitet sich die wirklich frohe Botschaft des neuen Evangelisten aus. Wer Ohren hat zu hören, der hört: als gesprochenes Wort, in der einfachen Anrede an jeden, dem Gruß, wie in der weiten Ansprache an alle, der Predigt, deren Aufkommen als ein neues Mündigwerden in den Dingen des Glaubens diese Zeit gerade empfängt, trägt der Mann der Umkehr seine Kunde zu den Menschen. Die Kathedrale von Assisi, in der Giovanni Battista Bernardone getauft worden ist, bietet dem Bruder Franziskus ihre Kanzel; dort lauscht jetzt die Menge den Worten des Armen, der ehedem als ein Reicher sorglos mit ihr gelebt hat. Und wie damals seine Fröhlichkeit alle gewann, so ergreift sie auch nun, da ihr Glanz zum Heiligenschein wird, die Herzen; ihre bindende Kraft bleibt die gleiche, da sie nun alles Zeitliche, das sie schon immer umfing, ins Licht des Ewigen hebt. Sie behält ihr Feuer, da der Mensch in die tiefsten Schächte des Leidens hinabsteigt, sie wird in den dunkelsten Gründen der sündigen Seele, im Anblick aller lastenden Massen von Schmerz und Qual hellste Leuchte und vollkommene Freude. In einer bei dem Ungeschulten kaum erwarteten Weise ist das Wort mächtig im Munde des Predigers Franziskus. „Die Klarheit des Geistes gab ihm solche Sicherheit im Reden, daß er ohneVorbereitung von wunderbaren und unerhörten Dingen sprach", sagt Thomas de Celano. Einmal bereitet er eine Predigt vor dem Papst vor; aber schon in dem ersten auswendiggelernten Satz bleibt er stecken und spricht frei, wie es ihm nun in den Sinn kommt, mit stärkster Wirkung weiter. Ein Hörer macht die Bemerkung, daß Franziskus viel weniger zu predigen, als sich mit seinen Hörern zu unterhalten schien: das deutlichste Wahrzeichen der echten Rede, die nicht als verbindender Text zwischen stummen Figuren steht, sondern in klarer Gegenwärtigkeit zwischen Lebendigen von Mund zu Ohr klingt. Der Sinn des Gesagten aber ist nicht lehr- 336