Die Kreatur
- Journal
- Die Kreatur
- Volume
- 1 (1926-1927)
- Issue
- Heft 3
- Date
- 1926-01-01
- Page
- – (sequence 87)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2823768-2823781-2823785--0340-2824410- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Affekt, die Liebe „eigentlich" ein Trieb, alle diese eigentlich irgend etwas anderes als sie selbst; das Selbstsein sei eigentlich und wesentlich offenbar erst im Anderssein (Hegel). Bis hin zu der Vermessenheit, der Mensch sei eigentlich ein Ich. Das Ich-Märchen vom Menschen wird sein Ende finden, wenn der Ich-Philosoph „endlich allein", nämlich mit sich allein sein wird. Mächtige Menschen, auch Philosophen, haben das Märchen längst zerstört. Vielleicht w ar es eine Verelendung des Wortes, daß man auch den Worten das nicht mehr geglaubt hat, was sie meinen, daß ein Schmerz eben ein Schmerz ist und nicht nur eine Empfindung. Wäre er eine Empfindung, dann wäre er alles das nicht, was hier gesagt wTirde. Im Schmerz ist aber das enthalten, daß etwas nicht sein 50//, was doch ist, und dieser Widerspruch von Sollen und Dasein ist die eigentliche Wirklichkeit des Menschen als Kreatur. Der Mensch als Kreatur hat nicht nur die kalte Existenz, sondern sein Dasein ist immer ein So-sein-Sollen: dies ist der richtige ontologische Begriff vom Menschen und seiner Wirklichkeit. Seine Ontologie ist daher eigentlich nicht eine Lehre vom Sein, sondern eine Lehre von Geboten. Es ist nichts Paradoxes darin, daß die Ontologie eine Tafel von Geboten ist. Vielmehr ist es paradox, wenn man etwas anderes noch als wirklich bezeichnet, außer dem Sein in den Geboten, z. B. das mit dem Verstände Erkannte (wie ja auch Kant dieses letztere als das Nichtwirkliche begriff). Es ist also etwas Paradoxes gar nicht in der irklichkeit des menschlichen Daseins, solange man begreift, daß dies Dasein stets ist als ein In-Geboten-Stehen. Es bedarf keiner besonderen Hingabe, Unterwerfung, Gläubigkeit, um dies einzusehen, sondern nur eines Hörens. „Um aber zu hören, muß man schweigen.4i Es ist geboten hinzuhören, wenn jemand sagt „ich habe Sehmerzen", und nicht wegzuhören. Es ist gar nicht ohne w eiteres wahr und auch gar nicht verkündet, daß Sehmerzen Strafe sind, gerechte oder ungerechte. Schmerzen sind nicht objektive Strafen (wiewohl objektive Strafen Schmerzen sein können), sondern sie sind lediglich Aufgabe. Es ist also nicht geboten über Schmerzen etwas auszusagen, sondern sich ihnen schweigend zuzuwenden, um auf sie zu hören. ★ ★ ★ 333