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Die Kreatur · 1926-01-01 · Heft 3 · page 86

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Kreatur
Volume
1 (1926-1927)
Issue
Heft 3
Date
1926-01-01
Page
– (sequence 86)
Language
German
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und in uns, was nicht sein soll, was einer gebotenen Ordnung widerstrebt. Nicht Naturmächte sind im Kampfe in diesen Urerlebnissen der leidenden Kreatur, sondern das Kreatursein wird in seiner Eigentümlichkeit sichtbar eben in diesem Leiden. So ist das Leiden älter als der Schmerz, an dem wir leiden, der Schmerz älter als das Gefühl des Schmerzen- Habens, das Gefühl älter als sein empfindungsartiger Inhalt, wie ihn die Psychologie und Physiologie schließlich abstrahiert haben. Die Lebensordnung der Schmerzen aber, die wir suchten, ist also die der Kreatur. Geboterfüllung Hier endet die Geschichte des Schmerzes oder - hier beginnt sie erst richtig. Es war zuerst eigentlich nur eine Erzählung in Begriffen. Man kann die Dinge und ihre Begriffe der Reihe nach auspacken, immer tiefer bis auf den Grund der Seele: Empfindungen und Gefühle, Erlebnisse, Bewußtseinsinhalte, unbewußte Komplexe, Affekte und Triebe - sie alle werden zu Dingen dabei (und sind auch Dinge) und zu jedem dieser Dinge gehört ein präziser klarer Begriff. Die Analyse der Psyche hat mit ihnen zu tun und sie kann dies alles auspacken, bis gleichsam nichts mehr daringeblieben ist, bis gleichsam ein Hohlraum entstanden ist. Freilich kann es dann so gehen, daß in dem Hohlraum nichts mehr zu sehen ist und doch ruft noch eine Stimme aus dem Abgrund. Niemand ist da und doch ruft es. Es gibt keine Gespenster mehr und doch ruft es? Da kann dann das Grauen kommen. Die Dinge der Seele kann man mit Begriffen wie mit der Zuckerzange fassen und ivegtun (auch das Ich, nämlich als „Ichbewußtsein") und trotzdem ist noch jemand da, der ruft. - Dies st der Vorteil der Analyse der Psyche, daß sie diesen Jemand durch ein negatives Verfahren wieder sichtbar macht. Dieser Vorteil ist unermeßlich. ürden die Dinge der Seele nicht so gründlich ausgepackt, so würde man oft das Sehen der Dinge von dem Hören der Stimme nicht so deutlich unterscheiden können. Man würde ganz vergessen können, daß d e Dinge und der Jemand nicht dasselbe sind. Man würde nicht erkennen können, daß das Wort älter ist als das Licht, das Gespräch älter als das Dasein, die Erzählung älter als die Erkenntnis. Es ist merkwürdig genug, daß irgend jemand es geglaubt hat, der Schmerz „sei e gentlich" eine Empfindung, die Angst „eigentlich" ein 332

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