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Die Kreatur · 1926-01-01 · Heft 3 · page 88

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Kreatur
Volume
1 (1926-1927)
Issue
Heft 3
Date
1926-01-01
Page
– (sequence 88)
Language
German
Belongs to
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Nach der Naturordnung müssen die Lebewesen einander töten oder selbst sterben. Täglich zerfetzen und zersetzen Zähne und Fermente die zarten Gebilde organischer Leiber. Die Schmerzen der Niederen kommen zu den Höheren zurück. Bakterien rächen, was den Pflanzen und Tieren vom Menschen angetan wurde. Seelisches Sein wehrt sich gegen diese Ordnung und ist doch selbst nicht immun dagegen. Es gibt eine Anthropophagie auch in der sittlich-seelischen Gemeinschaft, die ebenso unentrinnbar ist, und Geistrache ist nicht weniger fortzeugend wie Blutrache. Nach der Ordnung müssen wTir töten oder sterben, als Natur, als Seele und als Geist. Alles hat in diesem Sinne „Natur", auch Seele und auch Geist, wenn Natur das Dasein ist, sofern es nach Gesetzen bestimmt ist. Nach der Ordnung der Gebote aber ist die Hinwendung zum Schmerz des Anderen die Sachlichkeit des ärztlichen Berufs. Wie soll die Hinwendung sein, was soll daraus folgen? Denn offenbar ist diese Hinwendung nicht sentimental, sondern sachlich, wie die „kleine Schwester" uns deswegen so stark angeht, weil sie (auf ihre Weise) sachlich vorgeht. Wie der Schmerz nicht nur ein Gefühl ist, so ist auch die Hinwendung nicht nur Gefühl, und wäre sie nur Gefühl, so wäre sie nichts. Das Gefühl dabei ist eher zu entbehren als die Sachlichkeit. Diese Sachlichkeit ist aber jetzt eine andere als die der Geisterfahrung und eine andere als die der Erzählung in Begriffen. Die Sachlichkeit ist jetzt die der Geboterfüllung. Die Aufgabe ist für Arzt und Kranken Bewältigung der Schmerzarbeit und ihrer Entscheidung. Sie ist nicht Beseitigung des Schmerzes, sondern Bewältigung der Schmerzarbeit, die der Einzelne, sofern es zum Arzte geht, nicht leisten konnte; sonst ginge er nicht zum Arzte. Die Bewältigung der Schmerzarbeit geht den Arzt in allen Beziehungen an, in welchen der Schmerz uns hier verknüpft erschien : keine dieser Beziehungen macht eine Ausnahme, weil sie alle einmal zu seiner Sache gehören können. Um jede von ihnen muß er wissen. - Da aber nicht die Beseitigung der Schmerzempfindung, sondern die Bewältigung der Schmerzarbeit ärztliches Ziel ist, und da in dieser Bewältigung eine Kette von Entscheidungen hegt, so ist die Arbeit ohne Ziel der Entscheidung nicht zu denken und nicht zu tun. Welches Ziel ist gemeint und welches ist das rechte? Es kann kein anderes sein als das Ziel des menschlichen Lebens überhaupt. Es ist von diesem Ziel nicht zu reden, ohne vom letzten Ziel zu re- 331

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