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Die Kreatur · 1926-01-01 · Heft 3 · page 85

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Kreatur
Volume
1 (1926-1927)
Issue
Heft 3
Date
1926-01-01
Page
– (sequence 85)
Language
German
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Menschen aus. Die Erzählung des Kranken kann der Psychologe einen Wahn nennen; er ist dann ein naher Verwandter des Mythos. Aber der Mythos hat die Besonderheit, als Erzählung wahrer zu sein als die Psychologie, wenn er statt von dem normalen Anderen von dem leidenden Selbst ausgeht. Von diesem Selbst aus ist der „Mythos44 die Wahrheit, die Darstellung der Psychologie falsch. Es ist nicht zutreffend, daß wir diese persönliche Wahrheit, die der Kranke erzählt, durch Einfühlung verstehen können. Sie ist nicht crfühlbar und sie ist auch nicht verständlich. Der Einfühlende, der sich in den Kranken hineinversetzt, kann in der Phantasie zu analogen (wiewohl nicht gleichen) Gefühlszuständen kommen, der Verstehende kann Zusammenhänge als wesentliche herausheben, die es in der Tat auch für den Kranken sind. Aber den Vollzug des Schuldbewußtseins erreicht er damit nicht, insofern die Schuld des Kranken eben gerade die des Kranken sein muß, um das zu sein, was sie wirklich ist. Diesen Vollzug kann daher der Einfühler und Versteher der Psychologie nicht vollziehen - so wenig wie beim Schmerz selbst. Das Kranksein ist also immer ein Unentschiedensein in jedem Betracht. Die Unentschiedenheit ist weder die allein, daß die Natur noch nicht über den Ausgang entschieden hat, noch die allein, daß ich mich noch nicht zur Stärke oder zur Schwäche entschieden habe, sondern beides in einem. In diesem noch In-einem-sein hegt das psychologisch Geheimnisvolle, das die wirkliche Situation des Menschen aber allein Charakterisierende. Was hier von der Schuld gesagt ist, könnte in verwandter Weise von der Ang^t, der Sorge, der Not, der Melancholie gesagt werden. Sie alle existieren als selbständige Wesen und nicht nur so, daß jemand etwa Angst hat vor dem Verlust eines Auges, vor dem Tod, mit objektivem vollem Recht, wenn eine sichtbare Gefahr im Anzug ist, sondern jemand kann auch die „grundlose44 und gegenstandslose Schuld, Angst usw. haben und diese ist nicht minder real. Es liegt aber in den Erfahrungen des Schmerzes, der Schwäche, des Schwindels, des Ekels selbst schon jener ursprüngliche sinnliche Zweifel, der unsere Existenz nicht nur als Existenz, sondern als Kreatur in Frage stellt. Nicht unser Vorhandensein unter den anderen vorhandenen Dingen der Natur wird erschüttert, wenn wir Schmerzen haben und also etwas haben, was wir sonst nicht haben, sondern, wenn wir Schmerzen haben, so leiden wir und wenn wir leiden, so ist etwas an 331

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