Die Kreatur
- Journal
- Die Kreatur
- Volume
- 1 (1926-1927)
- Issue
- Heft 3
- Date
- 1926-01-01
- Page
- – (sequence 84)
- Language
- German
- Belongs to
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nur ein Ich, aber auch noch nicht ein — Er. Der Böse - war er hier schon anwesend in diesem Status generandi? War er der Mittler zwischen Ich und Es? — Wir wissen wohl, daß es böse Schmerzen gibt, aber es will uns nicht in den Sinn, daß ein Etwas oder ein Es ein Böses sein soll; es will uns wohl in den Sinn, daß Jemand böse ist. Die mythische Personifizierung bezeichnet die Stelle, wo eine neue Wahrheit über die Wirklichkeit steckt, in der wir uns in Schmerzen befinden. Ob das „Böse66 zuletzt im Ich oder in Andern hängen bleiben wird, ist zunächst noch in unentschiedener Schwebe; aber in diesem Schwebezustand besteht nun etwas, was man nicht besser ausdrücken kann als mit dem Ausdruck: sinnlicher Zweifel. Es gibt eine ganze Reihe von Zuständen der Sinnlichkeit, welche sich von anderen Sinneseindrücken dadurch unterscheiden, daß sie mit sinnlichem Zweifel einhergehen, so das Gefühl des Schwindels, der Schwäche, der geschlechtlichen Erregung. Der Zweifel in allen diesen ist nichts anderes als jene peinvolle Unentschiedenheit, die, weil sie ein Böses oder Gutes enthält, zugleich eben persönlich wird. Die Erfahrung der Seelenerforschung aber zeigt nun die Tatsache, daß Schuldbewußtsein so oft ein Schatten des Krankheitsbewußtseins ist. Bewußtseinspsychologisch ist der Zusammenhang konstatierbar; aber diese bloße Konstatierung der Schuld ohne schuldhafte Tat ist eigentlich Konstatierung von etwas Unverständlichem und vor der Vernunft Sinnlosem; sie gilt dem Psychologen als sinnlos, dem Psychiater als pathologisch. Der „Kranke" ist für ihn dann nicht bloß krank, weil er Schmerzen hat, sondern überdies weil sie zu „krankhaftem" Schuldgefühl ohne Realschuld „führten". Aber diese Darstellung ist vom Kranken aus gesehen eine Deutung, ja sogar eine Umdeutung. Er macht sich die Auffassung vielleicht, wenn er kann, zu eigen, daß das Schulderlebnis nur krankhaft sei. Aber ursprünglich ist diese Deutung falsch, er hatte und wußte für sich Schuld, er „empfand" nicht nur Schuld. Wirkliche Schuld haftet an seiner Person selbst, nicht an Gefühlen der Person, die nicht sie selbst, sondern etwas von ihr wäre. Hier wird nun sehr deutlich, wie wir hoffen, daß die Erzählung eines solchen Kranken, „ich habe Schuld und werde durch Schmerzen bestraft", wahrer isf, als die objektive Konstatierung: „er fühlt Schuld und urteilt, sie werde durch Schmerzen bestraft"; die Konstatierung deutet die Erzählung um vom Standpunkt eines anderen als „normal" bezeichneten 330